Das Regierungs-Übereinkommen beim Wort genommen

11. Jänner 2007, 18:54
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Ein Kommentar der anderen von Roman Kellner

Es wurde in den vergangenen Tagen wirklich oft in die Kamera gehalten, das Arbeitsübereinkommen von SPÖ und ÖVP. 177 Seiten dick ist es, und es enthält die Leitlinien für die Regierungsarbeit der kommenden vier Jahre.

Es lässt sich auf verschiedene Arten lesen: Man kann es von vorne nach hinten durcharbeiten, sich einzelne Kapitel herauspicken, oder aber man schickt ein Programm auf die Suche nach einzelnen Begriffen durch das pdf-File.

Das ergibt zwar kein objektives Bild, aber erkenntnisreich ist es allemal.

139 mal "Wirtschaft"...

Zum Beispiel der Begriff "Wirtschaft": 139 mal ist er zu finden und verweist damit das Wort "Politik" (99 mal) klar an die zweite Stelle. Auch der "Wettbewerb" (47 mal) und das "Wachstum" (21 mal) bestätigen das Primat der Ökonomie.

"Umwelt" findet die Suchmaschine immerhin an 34 Stellen.

Aber was ist das gegen 100 Nennungen des Wortteils "finanz"? 42 mal "Nachhaltigkeit" klingt auf den ersten Blick gut, bei genauerer Betrachtung wird das inflationäre Wort aber nur 17 mal im ökologischen Kontext gebraucht.

Der "Mensch" taucht 44 mal auf, nur ab Seite 154 kommt er plötzlich nicht mehr vor, keine Menschen also in den letzten beiden Kapiteln "Kunst & Kultur" sowie "Finanzen".

Nach der "Idee" sucht man vergeblich und die "Vision" versteckt sich ausschließlich in Wörtern wie "Revisionsmodell" oder auch "Provisionsobergrenze". Zwar stößt man dreizehn mal auf das Wort "kreativ", davon steckt es aber neunmal in der "Kreativwirtschaft".

... und einmal "Glück"

Der Begriff "Friede" findet sich immerhin 20 mal, aber vielleicht sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Vier Erwähnungen der "Neutralität" steht gleich dreimal die wortidente Formulierung "... sich aktiv an der weiteren Entwicklung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik beteiligen" gegenüber.

Das Wort "Zufriedenheit" landet drei Treffer.

Und das "Glück" lässt sich gar nur einmal finden - und zwar in Zusammenhang mit dem "Glücksspielmonopol".

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Roman Kellner ist Chefredakteur des Greenpeace-Magazins "act"(DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2007)
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