Esperantomuseum: 120 Jahre Kunstsprache

16. April 2007, 17:35
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Die Alternative zur babylonischen Sprachenverwirrung ist für viele die Einführung der Kunstsprache Esperanto

Wien – Seit Jahresbeginn hat die EU offiziell 23 Amtssprachen, die Kosten für Dolmetsch und Übersetzung von 506 möglichen Sprachkombinationen werden heuer auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt. Die Alternative zur babylonischen Sprachenverwirrung ist für viele die Einführung der Kunstsprache Esperanto (=der Hoffende). Dieser Meinung ist jedenfalls eine große Mehrheit der derStandard.at-Leser: Über 64 Prozent stimmten bisher bei der noch laufenden Umfrage zum Thema "Welche Sprache soll europäische Amtssprache werden" für Esperanto.

Der Vorteil liegt für die schätzungsweise drei Millionen Esperantisten weltweit auf der Hand: Eine Sprache, beruhend auf dem Wortschatz europäischer Sprachen, mit absolut regelmäßiger Grammatik, ohne Ausnahmen, bei der die Wortbildung – ähnlich wie in manchen asiatischen Sprachen – nach dem Baukastenprinzip funktioniert, ist leicht und schnell zu erlernen.

Die nunmehr 120-jährige Geschichte der 1887 vom polnisch-jüdischen Arzt Ludwig Zamenhof erfundene Sprache ist im Internationalen Esperantomuseum im Wiener Palais Mollard (Herrengasse 9) dokumentiert, das außerdem die weltweit größte Sammlung für Plansprachen und eine Bibliothek mit rund 25.000 Bänden beherbergt.

Tolstoj-Memoiren

Fotos, Plakate und Schriftstücke, darunter die in Esperanto verfassten Memoiren von Leo Tolstoj oder Exemplare einer Esperanto-Lagerzeitung von Kriegsgefangenen, illustrieren die Bedeutung für die antinationalistische Friedensbewegung. Der raschen Verbreitung, die in der Zwischenkriegszeit ihren Höhepunkt erreichte, folgte die Verfolgung von Esperantisten durch Stalin und das Verbot der Sprache durch Hitler. Dem fiel auch das 1927 vom Eisenbahner Hugo Steiner gegründete Esperantomuseum in Wien zum Opfer. 1945 wieder eröffnet, präsentiert das schmucke Museum heute in mehreren Medienstationen etwa die Grammatik mit einem Pacman-Spiel oder "Hamlet" auf Klingonisch. Direktor Herbert Mayer, dem Esperanto zu Schulzeiten als Geheimsprache diente, "möchte zeigen, dass Kunstsprachen kein isoliertes Phänomen sind".

Für die völkerverbindende Sprache engagiert sich auch der Eisenbahner-Esperantisten-Verband oder Werner Klags Wiener Esperanto-Arbeitsgemeinschaft. "Durch das Internet hat Esperanto einen neuen Aufschwung bekommen", hofft Klag auf mehr Breitenwirkung. (Karin Krichmayr, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6./7. Jänner 2007)

  • "Was machst du um das zu vermeiden?" Plakat antifaschistischen Esperantisten im spanischen Bürgerkrieg.
    foto: standard/regine hendrich

    "Was machst du um das zu vermeiden?" Plakat antifaschistischen Esperantisten im spanischen Bürgerkrieg.

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