Das Arten-Schutzhaus

10. Jänner 2007, 17:00
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Das Arlberg Hospiz schützt bedrohte Arten wie Wedler und Könige und bietet Schutz vor dem Schrecken der Berge

Das mit den fünf Sternen und den zwei Hauben ist eigentlich ein Irrtum. Oder ein Irrläufer. Vielleicht ja auch eine ironische Fußnote der Alpen- und Verkehrsgeschichte. Denn genau genommen ist das Hospiz am Arlberg ein Anachronismus. Ein von Nobilität (ererbt oder erarbeitet) geschätzter, Luxushotel gewordener zwar, aber nichtsdestotrotz ein Anachronismus.

Andererseits: Wenn irgendjemand das Hospiz heute noch als Hospiz brauchen würde, wäre das Hospiz nicht das Hospiz. Weil sich die Hospiz-Chefs Florian Werner und Daniela Pfefferkorn dann nämlich nicht darum kümmern könnten, ihren Gästen mit Haubenküche und Edelweinen die Erholung von den Strapazen des Skifahrens zu versüßen, sondern irgendwo da draußen unterwegs wären. Um dem grimmigen Berg dem Verderben geweihte Reisende aus den Klauen zu reißen.

Aber weil seit über hundert Jahren jeder, der den Arlberg nicht als Ziel, sondern nur als Teil des Weges sieht, ohnehin den Eisenbahn- oder Autotunnel unten durch nimmt, können die Betreiber des wohl legendärsten Skihotels der österreichischen Alpen heute entspannt unter jener Ahnentafel im Speisesaal sitzen, an deren einem Ende ihre Namen stehen - und die bis ins Jahr 1386 zurückreicht: Damals, erzählen Pfefferkorn und Werner stolz, hat nämlich alles begonnen. Weil ein gewisser "Heinrich Findelkind aus Kempten", der im Hauptberuf Schweinehirt auf der Burg Arlen in St. Jakob war, nicht länger zusehen wollte, wie der Berg Reisende verschlang: Heinrich errichtete eine kleine Herberge - und gründete (mit päpstlicher Genehmigung, auch das zu erwähnen wird gebeten) mit der "Bruderschaft St. Christoph" eine der ersten Charityorganisationen überhaupt. Und schon im ersten Winter retteten Heinrich und seine Gehilfen sieben Menschen vor dem Erfrierungstod am Berg. Sagt die Legende.

Neue Bruderschaften

Freilich verbürgen sich 620 Jahre später die Amtsnachfolger des Findelkindes noch dafür, dass die Legende nicht Mythos, sondern Geschichte ist. Und dass sie lebt: Die Bruderschaft St. Christoph ist heute - genauer: seit 1957, nach einer 200-jährigen Schlafphase - wieder aktiv, widmet sich aber nicht mehr dem Fundraising zum Erhalt des Hospizes, sondern der Charityarbeit für kinderreiche, mittellose Familien. Das Haus selbst braucht längst keine Spenden mehr - sichern die Bruderschaftsmitglieder (etwa die Königsfamilien der Niederlande, Spaniens, oder Norwegens, aber auch die Lugners oder Veronika Ferres) die Existenz des rustikalen Luxus-Trutzbaus doch mehr als nur notdürftig ab. Dafür sorgen Hauptsaison-Zimmerwochenpreise um die 4000 Euro.

Mit Luxus und Hotel hatte Skifahren früher wenig bis gar nichts zu tun - und so richtig betucht-standesgemäß wurde das Haus eigentlich erst, nachdem es 1957 bis auf die Grundmauern niedergebrannt und dann - von Florian Werners Großvater - wieder aufgebaut worden war: Das charakteristische Steildach kam wieder, aber das Innere des Neuen Hospiz war anders. Und mehr als bloß "state of the art": Alle Zimmer hatten WC und Dusche - damals bei Weitem noch keine alpine Selbstverständlichkeit, sondern der Anstoß zur steilen Karriere der ganzen Arlberg-Region zu jenem Skigebiet, das sowohl seilbahn- als auch komforttechnisch dem Rest der heimischen Skiwelt zeigte, wohin die Reise zu gehen hatte.

Heute muss man sich da schon ein bisserl mehr anstrengen. Aber auch wenn die 2004 um drei Millionen Euro errichtete, 2000 m² große Wellnessoase in puncto Vielfalt mit dem, was Saunalandschaften heute bieten müssen, nicht mithalten kann, ist das Hospiz mit seinem Zwei-Hauben-Lokal und einem der größten Bordeaux-Großflaschenkeller Europas dennoch ein Referenzmodell für den Begriff "Luxus-Skihotel". Weil Klasse mit gelebter Tradition zusammenhängt - und genau diese einer betuchten, wenn auch meist schon gesetzteren Stammklientel wichtig ist: Begriffe wie "Wedeln" (das Hospiz lädt zur Saisoneröffnung zu "Wedelwochen") klingen für Boarder, Freeskier und andere Trendkids heute schließlich nach Geschichtsbuch.

Wer sich an einer "Wedel"- oder "Jetschwung"-affinen Terminologie orientiert, sucht beim Skifahren bestimmt nicht nach Wintersport-Nebenerscheinungen, die mit Vorsilben wie "Event-" oder "Mega-" angepriesen werden. Und die findet man in St. Christoph auch nicht. Insofern erfüllt das Hospiz seine ursprüngliche Funktion auch heute noch ganz ausgezeichnet: Es bietet Schutz vor dem Schrecken der Berge. (Thomas Rottenberg/Der Standard/Printausgabe/5./6./7.1.2007)

Info: Hospiz
  • Der bedrohliche Weg über den Berg ist Geschichte. Die Geschichte des Hospiz-Hotels.
    foto: arlberg hospiz hotels

    Der bedrohliche Weg über den Berg ist Geschichte. Die Geschichte des Hospiz-Hotels.

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