Auszeit, regelmäßig verordnet

21. März 2007, 17:04
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Die Amerikaner arbeiten zu viel. Die Beraterfirma PricewaterhouseCoopers will nicht länger zusehen und schickt die Leute in die Zwangsferien

"Rein kommen nur die, die das Jahresendinventar aufstellen," erzählt Barbara Kraft, Partnerin bei PricewaterhouseCoopers in New York. Die Beraterfirma schließt seit 2003 jeweils im Dezember zehn Tage lang die Pforten. Eine Radikalmaßnahme gegen Besorgnis erregende Statistiken aus der Personalabteilung.

Aus diesen ging hervor, dass sich zu viele der insgesamt 29.000 US-Mitarbeiter nicht die ihnen zustehenden Urlaubstage gönnten. "Und wenn sie frei machen, dann blieben sie doch ständig im Kontakt mit ihrem Job, sei es via Laptop oder Blackberry", so Kraft. Das Ferienregime von PricewaterhouseCoopers ist auch über die Betriebsschließungen hinaus großzügiger als bei den anderen US-Unternehmen: Jeder Angestellte fängt mit drei Wochen bezahltem Urlaub an. Neulingen wird außerdem gleich am ersten Arbeitstag eine "Rest and Relaxation"-Fibel ans Herz gelegt. Die Botschaft darin: "Es ist okay, die Beine baumeln zu lassen. Die Kunden werden's überleben. Und ihre Kollegen auch." Die Amerikaner schieben zu viele Stunden und gönnen sich zu wenig Auszeit. Dieser Ansicht ist auch Jared Bernstein, Volkswirt beim Washingtoner Economic Policy Institute, und Co-Autor des Buches The State of Working America (2006).

Seinen Untersuchungen zufolge hat die Hälfte der US-Arbeitnehmer diesen Sommer nicht eine Woche freigenommen. Schuld daran ist in erster Linie das rigide Marktdenken in den USA: "Wir sind die einzige Industrienation der Welt, in der es kein gesetzliches Minimum an Urlaub gibt, vor allem die kleinen und mittelständischen Unternehmen nutzen das aus." Hinzu kommt, dass viele Amerikaner sich auch selber Druck machen: "Selbst das bisschen, das ihnen zusteht, nehmen sie nicht." Die Gründe für den selbst auferlegten Übereifer sind mannigfaltig: Die einen haben Angst, eine Beförderung zu verpassen, die anderen, ihren Job zu verlieren. Die USA porträtieren sich gerne als Mutterland der Meritokratie, sprich: eine Gesellschaft, die jeden nach seinen Verdiensten beurteilt. "Leider messen wir diese Verdienste immer weniger an der Qualität unserer Arbeit und immer mehr an der Stundenzahl", kritisiert Bernstein, der es übrigens selbst seit Jahren nicht mehr geschafft hat, alle Urlaubstage zu verbrauchen. "Wahrscheinlich bin ich mehr Teil des amerikanischen Arbeitsethos, als ich mir eingestehen will."

Wozu die Kultur des "Je mehr Stunden, desto besser" führen kann, zeigt sich an der Geschichte von Billy Stewart, der als Händler bei einem New Yorker Hedgefonds arbeitet. "Das letzte Mal, wo ich länger als eine Woche frei hatte, war in der Mittelschule", erzählt der 31-Jährige, "seither sind die Ferien immer kürzer geworden." Inzwischen hat Stewart das Prinzip der Kurztrips auf ein neues Level gebracht: Im April gönnte er sich eine Safari in Senegal, ein ganzes verlängertes Wochenende kurz. Bis zur nächsten Reise wird noch eine Weile vergehen. Obwohl Stewart im Schnitt 70 Stunden pro Woche im Büro sitzt. Und offiziell Anrecht auf zwei Wochen Urlaub im Jahr hätte: "Wenn du hier darauf pochst, ist das in etwa so, als würdest du eine Million Dollar Gehaltserhöhung einfordern. Not done.". (Beatrice Uerlings aus New York, Der Standard, Printausgabe 30./31.12.2006/01.01.2007)

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    Rest & Relaxation als Vorgabe: Es ist nicht nur okay, regelmäßig die Beine baumeln zu lassen - über Weihnachten ist das bei PricewaterhouseCoopers sogar verordnet.

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