Wilde Rosen für Gelenke

27. Dezember 2006, 15:17
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In der Volksmedizin kennt man die rote Frucht als Erkältungskiller, neuerdings wird die Hagebutte als Rheumamittel eingesetzt

In der Volksmedizin kennt man die rote Frucht als Erkältungskiller, Kinder mögen den Vitamin-C-Spender als Tee, und Lausbuben wissen um ihre Wirkung als Juckpulver. Neuerdings wird die Hagebutte als Rheumamittel eingesetzt. Wirkungsvoll, wie Studien zeigen.

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Karl der Große mochte Heckenrosen nicht nur ihrer Schönheit willen oder als dornigen Schutz seiner Ländereien. Der Herrscher hatte dank heilkundiger Frauen und Männer erkannt, was in den Scheinfrüchten der wilden Rose, den Hagebutten, steckt: Heilkraft. So ließ der Kaiser die Rosa canina zu medizinischen Zwecken anbauen. Verwendet wurde die Hagebutte vor allem zum Ausschwemmen und Entgiften. Vielleicht hat Karl auch an das Versprechen der Heil- und Zauberkundigen geglaubt, das besagt: Wer zu Weihnachten drei rohe Hagebutten isst, bleibt das ganze nächste Jahr über von Krankheiten verschont.

Die Volksmedizin kennt den Hagebuttentee als Arznei gegen Nieren- und Blasenbeschwerden, bei Gallensteinen, Zahnfleischbluten, Asthma und Erkältungen. Blutstillend und blutbildend sind die Früchte, weiß die gynäkologische Naturheilkunde. Die chinesische Medizin mischt Salbei und Heckenrose gegen verfrühte Menstruation.

Hagebutte mobilisiert

Die Scheinfrüchte der Heckenrose, die eigentlich Nüsschen sind, enthalten Vitamin C, Pektine, entzündungshemmende Gerbstoffe, Zucker, Fruchtsäuren, die gelben Farbstoffe Flavonoide und Carotin. Während die Wirksamkeit von Tee aus getrockneten Früchten, Blättern oder Blüten wissenschaftlich nicht belegt ist, wiesen Studien in Dänemark und Norwegen die positive Wirkung von Hagebuttenpulver aus einer Subspezies der wilden Rose, der Rosa canina lito, bei Gelenksarthrosen nach. 66 Prozent der Studienteilnehmenden hatten nach drei Monaten weniger Schmerzen, konnten sich besser bewegen und brauchten um die Hälfte weniger Schmerzmittel, fanden Arsalan Kharazmi und Kaj Winther von der Universität Kopenhagen heraus. Die Doppelblind-Studie wurde in Norwegen bestätigt.

Den Dänen gelang es, den entzündungshemmenden Wirkstoff der Hagebutte zu identifizieren und chemisch als Galaktolipid (Gopo) zu definieren. Dieser Wirkstoff wurde damit erstmals in Rosengewächsen nachgewiesen. Die Schweizer Allgemeinmedizinerin Sigrun Chrubasik, Phytotherapie-Lehrbeauftragte an der Universität Freiburg und an der Faculty of Pharmacy in Sydney, beschäftigt sich seit Langem intensiv mit dem Hagebuttenpulver als Mittel gegen Arthrose und setzt die Hagebutte unter anderem auch bei chronischen Rückenschmerzen ein.

Beim Symposium der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie in Wien empfahl Sigrun Chrubasik das Hagebuttenpulver bei entzündlichem Rheuma additiv einzusetzen, um synthetische Schmerzmittel einzusparen.

Keine Nebenwirkung

Das Pulver verhindere, dass Leukozyten körpereigene Zellen angreifen und die weißen Blutkörperchen im Zuge des Entzündungsprozesses einwandern, die Knorpel weiter schädigen. Ebenso behindere die Hagebutte die Entwicklung toxischer freier Radikale. Zudem senke das Pulver das "schlechte" LDL-Cholesterin, das sich in Gefäßen ablagert und zu Arteriosklerose führen kann. Wie bei allen pflanzlichen Mitteln müsse man aber auch mit der Hagebutte Geduld haben, die Wirkung setze meist erst fünf bis sechs Wochen ein. Da das Hagebuttenpulver vor dem Gesetzgeber kein Arzneimittel, sondern ein Nahrungsmittelergänzer sei, könne man sich quasi daran auch "gesund essen". Zu beachten sei, dass Hagebuttenpulver auf die Verdauung regulierend wirke. Um Verstopfung zu verhindern, müsse viel Flüssigkeit aufgenommen werden.

Pflanzliche Präparate wie die Hagebutte oder auch Weihrauch und Teufelskralle sind durchaus geeignet, die Therapie bei rheumatischen Erkrankungen zu ergänzen, bestätigt der Wiener Neudorfer Internist und Rheumatologe Thomas Schwingenschlögl. Seine Erfahrung: "Pflanzliche Präparate verschaffen den Patienten ein besseres Leben, sie sind eine gute Alternative und Unterstützung bei der Schmerztherapie, weil sie fast nebenwirkungsfrei sind." Antirheumatika greifen bekanntlich die Magenschleimhaut an, haben Nebenwirkungen auf Herz und Kreislauf. Hagebutte und Co können aber den durch Arthrose geschädigten Knorpel nicht wieder aufbauen. Die Arthrose, die Gelenksabnützung, ist die häufigste Gelenkserkrankung. "Eine wahre Volkskrankheit", sagt Schwingenschlögl. In Österreich leiden rund 600.000 Menschen an der schmerzhaften und unheilbaren Krankheit. (Jutta Berger/DER STANDARD Printausgabe, 27. Dezember 2006)

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    Rosa canina, die wilde Rose. Ihre Scheinfrüchte enthalten den Wirkstoff Galaktolipid, der bei Rheuma hilft.

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