Rettung nach dem Plattencrash

1. Jänner 2007, 13:05
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Eigentlich ist jeder Festplattencrash nur eine Frage der Zeit, aber das Malheur muss nicht das Ende der Daten sein

Dabei hat alles ganz harmlos angefangen. Die Bilder vom Rundflug um New York waren im Kasten, von der Kamera auf einer Minifestplatte gespeichert; nach der Landung sollte die routinemäßige Sicherung auf dem Notebook erfolgen. Aber der kleine Microdrive versagte plötzlich seinen Dienst, surrte aufgeregt vor sich hin, ohne auf dem Desktop des Computers aufzuscheinen.

Rettung

Ein Fehler, wie er jederzeit mit jeder Festplatte der Welt vorkommen kann. Aber der Festplattencrash muss nicht auch den Verlust der gespeicherten Daten bedeuten, und Kroll Ontrack ist weltweit eine der ersten Adressen, um zu retten, was noch zu retten ist. Gut in Luftpolster verpackt wurde der Microdrive nach Böblingen bei Stuttgart verfrachtet und dort von den Datenrettern unter die Lupe genommen. Dann die Diagnose (um 90 Euro): Der Microdrive muss im Reinraum - quasi der Intensivstation - geöffnet werden, die Schreib-Leseköpfe sind durch mechanische Schäden kaputt, 92 Prozent der Daten können gerettet werden.

Kostspielig

Das Angebot: eine Auflistung der Daten, die noch zu retten sind, und die daraus entstehenden Kosten - im konkreten Fall 900 Euro. "1500 bis 2000 Euro kostet im Schnitt die Datenrettung von einer Festplatte", erklärt Friedemann Bader von Kroll Ontrack gegenüber dem Standard, "aber das hängt stark davon ab, ob wir die Daten mit unseren Standard-Werkzeugen wieder herstellen können oder für den Kunden was eigenes entwickeln müssen." Die Datenrettung wird dann zu einem Pauschalpreis angeboten, das Geld für die Diagnose wieder abgezogen.

Wenige Tage später treffen die wiederhergestellten Daten ein, auf eine CD gebrannt, der unbrauchbare und wieder verschlossene Microdrive nur noch das Souvenir einer Schrecksekunde. Die Bilder so, wie sie die Kamera aufgezeichnet hat.

Sonderfälle

Nicht nur Routinefälle wie verschlissene Festplatten haben gute Aussicht auf Rettung: Zu den zehn "außergewöhnlichsten Datenrettungseinsätzen" des Jahres zählten Notebooks, die aus dem Hubschrauber fielen oder von Flughafenbussen überfahren wurden. "Ein Kunde vergaß sein Notebook auf dem Autodach, auf der Autobahn fiel es herunter und wurde mehrfach überfahren", erinnert sich Bader, "trotzdem konnten wir die Daten der Festplatte retten." Brand und Wasserschäden sind häufige Ursachen für Festplattendefekte, aber auch "logische Probleme", bei denen der Speicher zwar intakt ist, aber die Datenstruktur durch Programme oder Bedienungsfehler zerstört wurde.

Speculatio

"Wir machen keine Gutachten über die Ursachen, das wäre spekulativ. Wenn das zum Beispiel bei Haftungsfragen relevant ist, dann werden Gutachter eingeschaltet", erklärt Bader. Zwar sind der Großteil der Kunden für Datenrettung nicht zuletzt aufgrund der Kosten meist Unternehmen. Aber auch viele Privatpersonen suchen notfalls bei Kroll Hilfe - häufig, wenn es um nicht wiederbringliche Erinnerungen geht: "Hochzeitsbilder, Kinderfotos" - Daten von hohem emotionalem Wert. "Nur wenn es die Bilder vom letzten Urlaub sind, dann wägen die Leute nach der Diagnose ab, ob es billiger ist, den Urlaub zu wiederholen oder die Daten zu retten." Was in unserem Fall eine leichte Entscheidung gewesen wäre: Um 900 Euro wäre das Wochenende zur Wiederholung der Aufnahmen schon finanziert. Wenn nicht die professionelle Neugier überwogen hätte. (Helmut Spudich, DerStandard/Printausgabe vom 15.12.06)

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