Ätherische Klangbilder des Leidens

24. November 2006, 18:14
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Die finnische Komponistin Kaija Saariaho mit "La Passion de Simone" bei "New Crowned Hope"

Wien – Die finnische Komponistin Kaija Saariaho zeigt ab Sonntag ihr neuestes Bühnenwerk in Wien. La Passion de Simone ist bereits ihr drittes abendfüllendes Projekt in Zusammenarbeit mit dem libanesischen Schriftsteller Amin Maalouf sowie Regisseur Peter Sellars und wird bei dessen New Crowned Hope-Festival im Wiener Jugendstiltheater uraufgeführt.

Die Ausgangssituation: Ein reduziertes Bühnenbild deutet jenes Zimmer bloß an, in dem eine Frauengestalt 75 Minuten lang lebt, liest und leidet. Dieses Zimmer, das nur in der Vorstellung des Publikums Gestalt annimmt, wird für diese kurze Zeit zu einem imaginären Raum.

Hier soll die Innenwelt jener beeindruckenden Figur entstehen, die an der Welt ihrer Zeit verzweifelte und als Vorbild für La Passion de Simone diente: Simone Weil (1909–1943), die französische Philosophin, die sich mit den Armen und Unterdrückten solidarisierte, zunächst als Fabriksarbeiterin und dann als Freiwillige im spanischen Bürgerkrieg. Die eine der wenigen europäischen Juden war, denen die Flucht in die USA gelang und die dennoch freiwillig nach Europa zurückkamen: Sie ging zunächst wieder in das von den Nazis besetzte Frankreich, arbeitete dann für de Gaulles Exilregierung in London und hungerte sich schließlich zu Tode, weil sie sich weigerte, mehr zu essen, als die Gefangenen in den Konzentrationslagern bekamen.

Stummes Gegenüber

Den inneren Kämpfen, die sich hinter diesen nüchternen biografischen Daten verbergen, versucht sich das neue Bühnenwerk der 1952 in Helsinki geborenen Kaija Saariaho anzunähern, ihrem Denken und Fühlen hinter ihrem Handeln auf die Spur zu kommen, verkörpert durch die Sopranistin Pia Freund.

Ihr stummes männliches Gegenüber, dargestellt vom Tänzer Michael Schumacher, schlüpft in unterschiedliche Rollen: Er ist einmal der abstrahierte Gegenpol von "Simone", dann so etwas wie ihr Doppelgänger oder jemand, der ihr Halt gibt, aber auch Gewalt antut.

Die Musik gleitet in plateauartigen Szenen kantabel dahin oder entspinnt vielfarbige Klangfelder, während vom Tonband gesprochene Aphorismen der Philosophin kommen, deren Drama in ätherisch schimmerndes Licht getaucht wird. Nur bei der Schilderung von Gewalt wird auch die Musik selbst handgreiflich oder sie illustriert lautmalerisch den Lärm einer Fabrik.

Einen "musikalischen Weg in fünfzehn Stationen" nennt die finnische Komponistin im Gespräch mit dem Standard ihr neuestes Werk, das ganz bewusst unter dem Titel "Passion" figuriert. Denn das "Leben Weils war wirklich ein Leidensweg", wie Saariaho findet, die sich schon als junges Mädchen mit Leben und Werk Weils beschäftigt hat. Am stärksten berührt hat sie dabei die eigentümliche "Verbindung von Fragilität und Wahrheitssuche", die sie in diesen Schriften fand; besonders im Buch Schwerkraft und Gnade, einem bedeutenden Begleiter während der Studienjahre in Deutschland und Frankreich.

Sellars inspiriert

Eine Oper, erzählt Saariaho, wollte sie eigentlich überhaupt nie schreiben.

Doch dann sah sie Peter Sellars’ Inszenierung von Mozarts Don Giovanni mit ihrem schockierenden Zeitbezug und änderte ihre Meinung: Das bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Musiktheater L’amour de loin war die Folge, und die Zusammenarbeit mit dem Librettisten Amin Maalouf und Sellars lief so gut, dass sie für die folgenden Projekte beibehalten wurde. Bereits in Salzburg wurde ebenfalls Sellars zum Geburtshelfer für La Passion de Simone. Denn während der Proben, erinnert sich die Komponistin, begann der Regisseur plötzlich Weil zu zitieren, und aus den Gesprächen entwickelte sich bald der gemeinsame Wunsch nach einem Werk über diese Figur.

Die musikalische Umsetzung liegt jedenfalls in den besten Händen: Das Klangforum Wien geht als Solistenensemble von einem seiner wesentlichen Grundsätze ab und spielt in großer Streicherbesetzung und ebensolcher Klangfülle, dirigiert von einer der viel versprechendsten Persönlichkeiten der Neuen Musik – Susanna Mälkki, seit dieser Saison auch Künstlerische Leiterin des Ensemble intercontemporain.

Und der Arnold Schoenberg Chor sitzt unter der Bühne, im Fundament von Simones Zimmer und fungiert dort als klangintensiver Träger zentraler Gedanken. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.11.2006)

Termine: 26., 28., 30. 11., 20.00 Uhr, Jugendstiltheater.

Tipp
Am 26. 11. um 18 Uhr führt Gerard Mortier im New Crowned Hope Festivalzentrum im Künstlerhaus am Karlsplatz ein Gespräch mit der Komponistin.
Karten: (01) 589 22 11
  • Fortgesetzte Arbeit mit Peter Sellars: die Komponistin Kaija Saariaho.
    foto: standard/hendrich

    Fortgesetzte Arbeit mit Peter Sellars: die Komponistin Kaija Saariaho.

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