Koalition mit dem User

28. November 2006, 19:15
posten

Ob Citizen Media oder Walk Planner: Bei zahlreichen EU-Projekten kommt das nötige Know-how in Sachen Usability aus Österreich

Ob Citizen Media, wo User multimediale Inhalte gestalten, oder Walk Planner, ein Routenplaner für Bergsteiger und Wanderer: Bei zahlreichen EU-Projekten kommt das nötige Know-how in Sachen Usability aus Österreich.


Es ist ein Reality-TV der anderen Art. Wo sonst Container-Bewohner oder Patienten von Schönheits-Chirurgen als grelle Selbstdarsteller fungieren, sind eher bodenständige Töne gefragt. Im "Bunten Fernsehen" von Engerwitzdorf kann sich jeder Einwohner direkt beteiligen und seine Geschichten über eine interaktive Multimedia-Plattform erzählen. Neben Oslo und Köln fungiert jener kleine Ort nördlich von Linz als Testgebiet für ein besonderes EU-Forschungsprojekt: Citizen Media widmet sich seit September einem trendigen Thema, das spätestens seit Web 2.0 massiv gehypt wird: Schluss jetzt mit der Berieselung, Couchpotatoes übernehmen eine neue Rolle.

"Die Idee ist, dass der Benützer aus der Rolle des passiven Konsumenten heraustritt und zum aktiven Produzenten multimedialer Inhalte wird", erläutert Marianna Obrist von der HCI & Usability Unit des ICT&S Centers der Universität Salzburg. Barrieren für Personen mit technologischen Berührungsängsten sind dabei tabu, wie Obrist betont: "Nutzer ohne Erfahrung sollen auch die Chance erhalten, problemlos ihre Inhalte anzufertigen. Daher liegt ein Fokus auf der Entwicklung effizienter Easy-to-use-Systeme."

Der Bürger als Teilzeit-Medienmacher ist nicht das einzige europäische Projekt, in dem ein Faktor an Bedeutung gewinnt: Usabilty. Ambitionierteste Multimedia-Vorhaben sind flopgefährdet, wenn Benutzfreundlichkeit als No-Go-Aera gehandelt wird. Die Aufgabe der Spezialisten ist eindeutig: Feldforschung betreiben, Probleme finden, Lösungen implementieren. Obrist: "Die Verfahren sind wichtig, um in einem frühen Stadium Fehler auszubessern. Deshalb werden Testpersonen unter anderem als Co-Designer integriert."

Damit wird gleichzeitig der Grundstein für eine kommerzielle Nutzung gelegt. Citizen Media soll keineswegs nur als Spielwiese für Hobby-Selbstdarsteller fungieren: Ein Arbeitspaket beschäftigt sich mit künftigen Geschäftsmodellen, um Ideen in harte Währung zu verwandeln. Bei Telekom Austria, einem der Projektpartner, ist Sprecher Martin Bredl zuversichtlich: "Globale Beispiele zeigen, dass von Konsumenten produzierte Medien inhaltlich wie wirtschaftlich erfolgreich sein können." Trotz aller Euphorie steht trotzdem noch in den Sternen, ob Gemeinde-TV und Co jene Hoffnung erfüllen werden, die Branchengurus oder spektakuläre Übernahmen à la Google und YouTube geweckt haben. Richten soll es teilweise Usability- und User-Experience-Forschung mit der Durchleuchtung des Kunden. Dessen Sichtweise wird erhoben und den Projektpartnern zugänglich gemacht. Input liefert weiters Akzeptanz-Evaluierung mit einer einleuchtenden Überlegung: Was grundsätzlich ankommt, besitzt zumindest theoretische Chance auf schwarze Zahlen.

Auf derartige Effekte warten Betreiber von standortbezogenen Diensten schon lange. Doch abseits der Automobilindustrie ist abgesehen von vollmundigen Sprüchen wenig passiert. Die EU will es weiterhin wissen und begibt sich mit Liaison in den Arbeitalltag. Knapp vor der ersten großen Feldstudie steht der französische Funkdiensleister TDF. Neben der Koordination des Außendienstes ist Sicherheit ein Thema: Wenn im Zuge der Antennenwartung ein Unfall passiert, wird die Leitstelle automatisch kontaktiert. Sensoren in der Kleidung ermöglichen es, den Zustand der Mitarbeiter genau zu bestimmen und adäquat zu reagieren.

Die wissenschaftliche Leitung der Usability-Aktivitäten liegt in Händen der Spezialisten des Forschungszentrums Cure, wo Reinhard Sefelin auf den grundsätzlichen Nutzen für die Location Based Services verweist: "Usability erhöht die Effizienz, senkt die Fehlerrate der Belegschaft und sorgt für höhere Akzeptanz jener Dienste innerhalb einer Organisation."

Optimierte Hightech unterstützt auch Wanderer und Bergsteiger. Für WalkOnWeb, ein weiteres EU-Projekt, wurden in den französischen Alpen unter Cure-Betreuung zwei Systeme getestet. Der Walk Planner ermöglicht das Erstellen von persönlichen Routen via Internet, während der mobile Hiking Assistant mitten im Wald signalisiert, wie weit es zur nächsten Raststation ist oder bei Gewittergefahr eine Abkürzung zeigt.

Der elektronische Helfer wies jedoch Tücken auf. Sefelin: "Die Landkarte auf dem PDA war nicht groß genug. Weiters erwies sich die Gestaltung der Elemente auf der Karte oft als unbrauchbar. So wurden Flüsse zu breit eingezeichnet und waren kaum von einem Pfad zu unterscheiden."

Seit Juni wird auch die Fantasie gefördert: Laboranova will Kreativen auf der Suche nach kreativen Lösungen mit einem Software-Tool helfen. Auf die Forscher wartet ein Spezialjob: Starke Ideen sollen im Rahmen von Spielen für Erwachsene entstehen. Für optimale Lösungen werden heute auch immer mehr Börsen- und Marktspiele eingesetzt. Hier sollen neue Ansätze alte Klischees der Marke Bieten und Verkaufen ablösen. Das Kind im Manager kann sich schon auf ein Kreativ-Monopoly freuen. (Christian Prenger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.11. 2006)

  •     Couchpotatoes müssen sich nicht mehr berieseln lassen und können nun Inhalte selbst gestalten. Auch mit Handy unterwegs in Wien zwischen historischen Bauten und Denkmälern.
    foto: standard/fischer

    Couchpotatoes müssen sich nicht mehr berieseln lassen und können nun Inhalte selbst gestalten. Auch mit Handy unterwegs in Wien zwischen historischen Bauten und Denkmälern.

Share if you care.