Weg von der Gießkanne

28. November 2006, 19:15
posten

Akademie der Wissenschaften kämpft mit den Finanzen: Peter Illetschko im Gespräch mit Präsidenten Schuster über Lösungsstrategien und Gugging

Die Akademie der Wissenschaften kämpft mit den Finanzen. Akademie-Präsident Peter Schuster erwartet, dass im März 2007 das erste Institut kein Geld mehr hat. Peter Illetschko sprach mit ihm über Lösungsstrategien, Gugging und Wünsche ans Christkind.


Standard: Der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geht es finanziell nicht gut. Sie haben von einem Finanzloch in zweistelliger Millionenhöhe im laufenden Jahr gesprochen. Wie kam das?
Schuster: Die Akademie ist seit 1995 deutlich größer geworden. Sie hat Institute gegründet, die sich aktuellen Themen widmen. Beispiele sind Iranistik, Demografie, Quantenoptik und Molekulare Biotechnologie. Die Grundfinanzierung ist aber nicht im gleichen Ausmaß gewachsen. Das bedeutet, dass wir jetzt regelmäßig anfallende Zahlungen, zum Beispiel Personalkosten, durch Einmalfinanzierungen oder Anschubfinanzierungen abdecken. Da diese aber, wie der Name schon sagt, einmalig sind, und nicht regelmäßig kommen, haben wir ernste Schwierigkeiten, wenn das Budget nicht erhöht wird.

Standard: Wie hoch hätten Sie es denn gern?
Schuster: Wir bräuchten ein Budget in der Höhe von 100 Millionen Euro, zuletzt hatten wir 65 Millionen, im Budgetprovisorium sind deutlich weniger als 65 veranschlagt. Das würde drastische Einschränkungen nach sich ziehen. Wir haben schon mit dem Wissenschaftsministerium gesprochen, und man hat uns signalisiert, dass es mehr Geld geben wird. Muss es auch. Mitte März würde bereits eine Einrichtung der Akademie, der Austrian Academy Corpus, die erste umfangreiche Sammlung von elektronischen Texten zur Sprache und Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, bei allem Sparwillen kein Geld mehr haben. Aber man hat auch da versprochen, eine Lösung zu finden.

Standard: Das Wasser steht uns bis zum Halse, aber Sie werden schon nicht untergehen?
Schuster: Was sollen wir derzeit sonst sagen? Noch haben wir kein Budget. Es gibt auch noch keine Regierung, die eines verabschieden könnte.

Standard: Ist die Akademie schon zu groß? Könnte es Institutsschließungen geben? Könnten diese helfen?
Schuster: Sicher nicht. Die Institutsgründungen der letzten Jahre entstanden ja nicht aus einer Laune heraus. Da gab es einen Bedarf - und entsprechende Evaluierungen haben ergeben, dass diese Institute hervorragende Arbeit leisten. Schließungen? Aus wissenschaftlichen Gründen ja. Sie haben aber kurzfristig keine finanziellen Auswirkungen, denn es gibt Verpflichtungen, die das Budget noch einige Zeit belasten. Personalkosten etwa.

Standard: Was also tun, um aus der finanziell kritischen Situation herauszukommen? Wünsche ans Christkind?
Schuster: Ich hätte unabhängig von der Vor-Weihnachtszeit Wünsche, denn wenn man sich nur einmal im Jahr etwas wünscht, hört man auf zu leben. Wir brauchen eine mittelfristige Planungssicherheit wie das zum Beispiel in der deutschen Max-Planck-Gesellschaft gegeben ist. Dort wird ein Budget ausverhandelt und dieses ist dann von der Gesellschaft direkt aus der Staatskassa abrufbar. Ohne zwischengeschaltete Ministerien. Am Ende des Jahres kontrolliert der Rechnungsprüfer, ob nicht zu früh oder zu viel abgebucht wurde.

Standard: Ist das aus heutiger Sicht realistisch in Österreich?
Schuster: In Deutschland hat man viel Erfahrung damit. Aber auch bei uns ist das realisierbar. In der Akademie besteht derzeit leider eine Diskrepanz. Große Investitionen - zum Beispiel in notwendige Höchstleistungsoptik am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation - und andererseits fehlende Planungssicherheit. Oder nehmen Sie unsere Stipendienprogramme DOC oder APART. Wir können derzeit gerade einmal 30 Prozent der sehr gut bewerteten Arbeiten damit unterstützen. Der Eindruck auf abgelehnte junge Wissenschafter muss katastrophal sein.

"Exzellent kann ich nur werden, wenn das die anderen befinden, nicht wenn ich mir selbst ein Mascherl umbinde."

Standard: Wie wollen Sie diese Situation verbessern?
Schuster: Ich möchte für unsere Stipendienprogramme private Sponsoren suchen und würde mich freuen, wenn der zuständige Minister oder die Ministerin diese Summe dann verdoppelte.

Standard: Sie glauben offenbar noch ans Christkind?
Schuster: Nein, ich habe mir nur einen gewissen Optimismus erhalten.

Standard: Was kann die Akademie selbst tun, um die Situation zu verbessern? Es gibt eine Umstrukturierung - ein Kuratorium soll installiert werden, Jungforscher sollen mehr eingebunden werden. Gäbe es auch andere Lösungsstrategien wie mehr Einwerben von Drittmitteln, mehr Offenheit gegenüber Anwendungen in der Industrie?
Schuster: Das Einwerben von Drittmitteln müssen wir forcieren, beispielsweise bei Stipendienprogrammen. Die Offenheit gegenüber möglichen Anwendungen, die Sie ansprechen, war auch in der Vergangenheit in unseren Instituten gegeben. Wir müssen eindeutig erkenntnisorientiert arbeiten, wenn wir in der wissenschaftlichen Community eine Rolle spielen wollen. Wir werden uns nicht gegen Patentlizenzierungen und -verkäufe verschließen und noch anwendungsoffener werden. Nur wirklich groß sind die Refinanzierungsmöglichkeiten dabei auch nicht.

Standard: Wäre eine Änderung der politischen Strategie, Forschung hier zu Lande breit zu fördern, hilfreich?
Schuster: Das wäre insgesamt sinnvoll. Um international mithalten zu können, müssen wir weg von der Gießkanne und dazu übergehen, die Stärken in der österreichischen Forschung zu unterstützen. Das würde viele Protagonisten nicht freuen, das ist mir klar, andere erhielten aber die Chance, ihre Arbeit breiter anzulegen und damit weltweit sichtbarer zu werden.

Standard: Es ist bekannt, dass Sie ein Verfechter der so genannten Exzellenzstrategie sind. Sie waren ja auch einer der Väter der Idee Elite-Uni.
Schuster: Die Idee finde ich nach wie vor gut - obwohl Gugging kein optimaler Standort ist. Eine kleine Uni von diesem Rang braucht die Anbindung an andere Institute und auch an die Industrie. Wir werden von der Akademie aus versuchen, Kooperationen mit der neuen Uni einzugehen. Das kann aber nicht von oben verordnet werden, das muss sich "bottom up" entwickeln. So kann Exzellentes entstehen. Übrigens sind Worte wie Exzellenzstrategie Unwörter: Exzellent kann ich nur werden, wenn das die anderen befinden, nicht wenn ich mir selbst ein Mascherl umbinde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.11. 2006)

ZUR PERSON

Peter Schuster (65) ist seit Kurzem Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Nach dem Studium der Chemie und Physik an der Uni Wien ging er als Postdoctoral Stipendiat an das Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie in Göttingen. Später war er Universitätsassistent, ab 1973 Universitätsprofessor für Theoretische Chemie der Uni Wien. Forschungsaufenthalte in den USA, Kanada und Deutschland. Von 2000 bis 2003 war Schuster bereits Vizepräsident der Akademie. Der Chemiker ist verheiratet und Vater eines Sohnes. (pi)
  • Akademie-Präsident Peter Schuster verlangt deutlich mehr Geld für den laufenden Betrieb seiner Institute. Er erwartet die ersten großen Finanzierungsprobleme im März 2007.
    foto: standard/andi urban

    Akademie-Präsident Peter Schuster verlangt deutlich mehr Geld für den laufenden Betrieb seiner Institute. Er erwartet die ersten großen Finanzierungsprobleme im März 2007.

Share if you care.