"Das Glas ist schon ein Drittel voll"

29. November 2006, 11:43
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Wirtschaftsnobel-
preisträger Joseph Stiglitz sieht die Globalisierung heute etwas positiver als früher

Anlässlich der Präsentation seines neuen Buches „Die Chancen der Globalisierung“ in Wien erklärte Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, warum er optimistisch ist, was ein Umdenken in der Weltwirtschaft betrifft, jedoch pessimistisch, was die US-Wirtschaft angeht.

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Wien – „Die Bush-Administration hat absolut nichts mit Erfolg zu Ende gebracht. Außer eine Befriedung des Nahen Ostens zu verhindern.“ – „Die einzige Möglichkeit, dass Schlimmes in der US-Wirtschaft verhindert werden kann, ist dass es noch schlimmer kommt.“ Unter anderem wegen solcher Sätze avancierte der Ökonom Joseph Stiglitz zu einem der „Stars“ der weltweiten Globalisierungskritik.

Er enttäuschte auch sein Publikum am Freitag nicht. Der Nobelpreisträger, Berater der Clinton-Regierung und Ex-Weltbank-Chefökonom kam nach Wien – zur Buchwoche ins Rathaus sowie am Abend in den voll besetzten Festsaal der Börse auf Einladung des SP-nahen Renner-Institutes. Im Gepäck hatte er sein jüngstes Buch „Die Chancen der Globalisierung“ (Siedler-Verlag, Originaltitel: „Making Globalization Work“).

Demokratischer Kongress wirkt "dämpfend"

Für die US-Wirtschaft sieht es laut Stiglitz nach wie vor düster aus: Die Immobilienpreise verfallen, trotzdem versuchten US-Bürger noch immer, „aus ihren Häusern den Konsum zu finanzieren“ – über Hypothekarkredite oder Verkäufe. Dies werde nicht mehr lange gut gehen. Weder Exporte noch die Investitionen könnten den Konsumausfall kompensieren. Und die aktuelle politische Situation – demokratischer Kongress, republikanischer Präsident – werde auch dämpfend wirken, denn: „Bush hat nie auch nur den leisesten Anflug von fiskalpolitischem Verantwortungsbewusstsein gezeigt, und ein demokratischer Kongress könnte diese nun endlich einfordern.“ „Deficit spending“ würde somit auch nicht die Konsumflaute ersetzen.

In Sachen Globalisierung sagt Stiglitz über sich selbst, er sei „optimistischer als noch vor vier Jahren“, als er unter dem Eindruck seiner Jahre als Chefökonom der Weltbank und der WTO-Proteste in Seattle den Bestseller „Die Schatten der Globalisierung“ („Globalization and its Discontents“) schrieb. „Heute würde ich sagen, das Glas ist ein Drittel voll“, sagte er am Freitag vor Journalisten in Wien.

In seinem Buch fordert Stiglitz unter anderem steuerliche Anreize für „gute Taten“ wie Umweltschutz („globale Kohlenstoffsteuer“ gegen die fortschreitende Erderwärmung) oder Malaria-Forschung, ein alternatives Währungsreservensystem, „echte“ Entwicklungsrunden für den Welthandel und die Bekämpfung von Korruption auch in den Industrieländern, wo die Bestecher säßen. „Es bewegt sich etwas“, sagt Stiglitz und nennt als Beispiele: die Flucht vieler Notenbanken aus dem Dollar. Oder den sich langsam, aber sicher auch im Westen formierenden Widerstand gegen die Abermillionen an Fördergeldern „an im wesentlichen 5000 US-Baumwollfarmer, die zehn Millionen Bauern in Afrika schädigen“. (Leo Szemeliker, DER STANDARD Printausgabe, 18./19.11.2006)

  • Joseph Stiglitz, Professor an der Columbia University New York, Ex-Clinton-Berater, Nobelpreisträger und Standard-Kolumnist, präsentierte am Freitag sein neues Buch in Wien
    foto: standard/corn

    Joseph Stiglitz, Professor an der Columbia University New York, Ex-Clinton-Berater, Nobelpreisträger und Standard-Kolumnist, präsentierte am Freitag sein neues Buch in Wien

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