"Die 50 Prozent Männchen werden eingespart"

14. November 2006, 21:37
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Verhaltensforscher Kurt Kotrschal über Wirbeltiere, die sich aus Sex herzlich wenig machen - Interview

Standard: Asexuelle Replikation kennt man eigentlich hauptsächlich aus dem Pflanzenreich. Gibt es die ungeschlechtliche Fortpflanzung auch bei Tieren?
Kotrschal: Ja, es gibt viele Tiere, die sich durch Parthenogenese, also durch Jungfernzeugung, fortpflanzen, vor allem Krebse, wie zum Beispiel der Wasserfloh, und Insekten wie etwa Blattläuse. In saisonalen Klimaten wie den unseren füllen die den Lebensraum im Sommer, wenn die Verhältnisse relativ stabil sind, mittels ungeschlechtlicher Vermehrung. Im Herbst, wenn das Wetter schlechter wird, bringen sie Geschlechtstiere hervor, die sich paaren und Eier legen. Mit dem solchermaßen gemixten Erbgut gehen sie in Dauerstadien über, die so den Winter überstehen, und im nächsten Frühjahr dann lauter Weibchen erzeugen.

Standard: Gibt es auch auf Sex verzichtende, also parthenogenetische Wirbeltiere?
Kotrschal: Durchaus. Ungeschlechtliche Vermehrung gibt es zum Beispiel bei manchen Zahnkarpfen, der Sechsstreifen-Renneidechse und auch einigen südamerikanischen Schwanzlurchen. Nur bei Vögeln und Säugern tritt sie nicht auf. Warum, weiß man nicht.

Standard: Wozu ist Sexualität überhaupt gut?
Kotrschal: Sexualität ist so ziemlich das Aufwändigste, was man sich vorstellen kann. Sie muss daher also biologische Vorteile haben. Die derzeit gängigste Theorie ist, dass sie genetisch variable Individuen für sich ändernde Umweltbedingungen zur Verfügung stellt. Noch wichtiger ist, dass sie eine Möglichkeit bietet, Parasiten auszutricksen. Die meisten Parasiten haben viel kürzere Entwicklungszyklen als ihre Wirte, das heißt, sie können sich in deren Lebenszeit hervorragend an diese anpassen. Die genetische Durchmischung in der nächsten Wirtsgeneration erschwert das.

Standard: Außerdem gäbe es ohne Sex dann wohl auch keine Vermehrung.
Kotrschal: So kann man das nicht sagen. Sexualität hat ursprünglich nichts mit Vermehrung zu tun: Sie wurde von den Einzellern erfunden und die tauschen zwar Teile ihres Genoms aus, vermehren sich dabei aber nicht. Erst bei den Vielzellern wurde Sex mit Vermehrung gekoppelt. Vermehrung allein lässt sich asexuell viel schneller bewerkstelligen - unter anderem dadurch, dass die 50 Prozent Männchen eingespart werden. Aber solche Populationen sind eben sehr anfällig gegen Parasiten und Umweltveränderungen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.11. 2006)

ZUR PERSON

Verhaltensforscher Kurt Kotrschal, 1953 in Linz geboren, studierte an der Uni Salzburg Biologie. Forschungsaufenthalte an den Unis Arizona und Colorado, Autor mehrerer Bücher. Seit 1990 Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Ethologie in Grünau.
  • Kurt Kotrschal ist seit 1990 Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Ethologie in Grünau.
    foto: standard

    Kurt Kotrschal ist seit 1990 Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Ethologie in Grünau.

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