Wilder Mann auf großer Fahrt

13. November 2006, 21:05
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55 Jahre Theater im Keller: Zum Jubiläum lädt Regisseur Gogo Nachtmann die Zuseher von Peter Handkes "Untertagblues" in einen Reisebus

Seit 55 Jahren meistert das Grazer Theater im Keller erfolgreich die schwierige Balance zwischen Avantgarde und kleinem Welttheater. . Als Passagiere einer labyrinthischen Schönheitssuche sehen sie sich in wehrloser (halb liegender) Position den zyklischen Hasstiraden eines Herrn im Trench ausgesetzt, der die zusteigenden Fahrgäste in immer krasserer Manier insultiert. Anders als bei Handkes "Publikumsbeschimpfung" führen die Schmähungen hier schnell weg vom Gegenüber ins Innere des "Wilden Mannes".

Was Bernd Sracnik (beeindruckende Ausdrucksmöglichkeiten) in variantenreicher und (für einen Blues um eine Spur zu) aggressiver Persistenz losfeuert, ist der verzweifelte Ruf nach Zugehörigkeit. Bestechend nützt Nachtmann die am Busfenster vorbeiziehenden Bilder der abendlichen Stadt als vieldeutige Kulisse für die solipsistische Tirade und gibt damit dem Stationendrama die poetische Klammer.

Eine berückende Klanghülle schafft Reinhold Koglers aus vielerlei Stimmen und Stadt-Geräuschen gewebter Sound. Die aseptische Tonbandstimme, die die Haltestellen einer imaginären Großstadt ansagt, und der Rhythmus des Haltens und Anfahrens geben der Inszenierung schnell den Rang einer existenziellen Reise. (frak/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2006)

Theater im Keller
Münzgrabenstr. 35, Graz
0316/ 84 61 90
4.-18. 11., 21.-24. 11.; 28. 11.-2. 12.
20.00 Uhr
  • U-Bahn-Schimpfer auf der Suche nach dem Schönen:
Bernd Srac¡nik in Handkes "Untertagblues".
    foto: theater im keller

    U-Bahn-Schimpfer auf der Suche nach dem Schönen: Bernd Srac¡nik in Handkes "Untertagblues".

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