Wenn das Ohr nicht gehorcht

16. November 2006, 16:07
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Arno Dusini trennt das eine Ohr vom anderen, und erklärt wie eine Vorlesung zu hören ist - Teil vier der derStandard.at-Serie

"Vom Hören einer Vorlesung" spricht Arno Dusini, im vierten Teil der Ringvorlesung im Audi-Max. Der außerordentliche Professor für Neue Deutsche Literatur, der gemeinsam mit Lydia Miklautsch das Konzept für die Vorlesung² erstellt hat, sucht nach dem Verhältnis beider Ohren zueinander.

Kunst des Hörens

"Der Verfall der Beredsamkeit entsteht durch den Verfall der komplementären Kunst des Hörens", zitiert Dusini zu Beginn Adam Müller. Den Sinn und die Wichtigkeit des Hörens hinterfrage man zu selten. "Wer hätte jemals die Bildungsfähigkeit des eigenen Hörens hinterfragt", richtet sich der Germanist ans Publikum, und kommt somit zu dem Schluss: "Es gibt also eine Kunst des Hörens."

Diese Kunst zeichne sich durch die freie Herrschaft aus, "die man durch diesen Sinn erhält." Das Hören sei der Schlüsselbegriff des Weltwissens, zitiert Dusini aus dem Lexikon. Die Bedeutung der Wörter sei nicht nur durch den Gebrauch geprägt, sonder vor allem durch Geschichte. Aber was hat das Hören mit der Vorlesung zu tun?

Eigenständige Ohren

"Die Ohren werden beim Eintritt in den Hörsaal meist kleiner", meint der Professor. Sie könnten aber durchaus größer werden. Hören sei bilateral, und auch das Gehirn würde die Ohren auf zwei unterschiedliche Arten nützen. "Meist ist ein Ohr dem anderen überlegen, eines nimmt Geräusche schneller auf als das andere", weiß Dusini und fügt hinzu: "Diese winzige zeitliche Differenz ist mir kostbar."

Die Beziehung der beiden Ohren sei demnach mit der Beziehung des Hundes zu seinem Herrn vergleichbar: Ein Ohr könne immer abschweifen, "streunen". "Man ist nicht immer sein eigener Herr, jedoch meistens sein eigener Hund", provoziert der Germanist. Mit einem Ohr zu hören ist seiner Meinung nach eine Fähigkeit, aber keine Kunst.

Wie der Herr zum Hund

"Wenn der Hund und sein Herr auf einem Weg nicht dieselbe Strecke gehen, sich am Ende aber wieder treffen, dann macht die Vorlesung keinen Sinn", erklärt Dusini. Denn das eine Ohr wüsste dann nicht, was das andere hört.

Eine weitere Art des Zuhörens wäre, "wenn der Herr dem Hund befiehlt, ohne selbst den Grund dafür zu verstehen." Zudem könne der Hund, also das eine Ohr, Schwierigkeiten haben, die Befehle des Herrn, des anderen Ohrs, zu entziffern.

Vorarbeiter des eigenen Hörens

"Die eigentliche Art des Zuhörens ist allerdings Ihnen überlassen", weist Dusini die Hörenden. Denn diese Art komme dem, was angemessen ist für eine Vorlesung, an nächsten. Denn jeder Hörende sei sein eigener Vorarbeiter, zwischen sich selbst zu hören und sich selbst daran zu messen. (lis)

Nächster Vortrag: Elisabeth Grabenweger, Stephan Kurz (Wien): "Denn, was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen" - Vom Mitschreiben einer Vorlesung

Die Ringvorlesung "Vorlesung²" wurde von Arno Dusini und Lydia Miklautsch konzipiert und richtet sich an HörerInnen aller Fakultäten. Die Vorlesungen finden im Wintersemester 2006/07 jeden Mittwoch um 18 Uhr c.t. statt.

Link
Vorlesung² an der Uni Wien

  • "His Master's Voice": Das Verhältnis beider Ohren vergleicht Dusini mit der Herr-Hund-Beziehung.
    foto: rca

    "His Master's Voice": Das Verhältnis beider Ohren vergleicht Dusini mit der Herr-Hund-Beziehung.

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