Amazon für Touristen

7. November 2006, 19:24
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Kofferpacken im Internet: E-Tourismus zählt zu den Hoffnungsgebieten im Geschäft mit dem Gast - Petra Stolba, neue Chefin der Österreich Werbung, im STANDARD-Interview

Kofferpacken im Internet: E-Tourismus zählt zu den Hoffnungsgebieten im Geschäft mit dem Gast. Christian Prenger sprach mit Petra Stolba, der neuen Chefin der Österreich Werbung, über Web 2.0, mobile Reisebegleitung und Online-Marketing.

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STANDARD: Wo ordnen Sie die heimische Fremdenverkehrsbranche ein, den E-Tourismus betreffend? Interessante Destination oder entwicklungsbedürftig?

Stolba: Natürlich als interessante Destination. Durch unsere Landestourismus-Organisationen und Unternehmen wie Tiscover, Nethotes oder Feratel wurden wir bereits sehr früh mit diesem Thema konfrontiert. Aktuelle Studien zeigen Österreich hier ebenfalls im europäischen Spitzenfeld.

STANDARD: Welche Akzente sind denn von Ihnen als neue Chefin der Österreich Werbung für die elektronische Markenpflege zu erwarten? Wird es neue Tools geben, um den Ihrer Ansicht nach schon weit entwickelten E-Tourismus weiter zu forcieren?

Stolba: Elektronische Medien sind sicher ein geeignetes Instrument, um die Gäste ebenso punktgenau wie kostengünstig anzusprechen. Künftig möchten wir stärkere Impulse für Innovationen setzen und die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Organisationen ausbauen. Wir sehen eine große Verantwortung, neue Dienstleistungen und Tools zu entwickeln, wie beispielsweise unsere bereits fertige Meta-Buchungsmaschine.

STANDARD: Gibt es denn überhaupt solche innovativen Tools? Wenn von IT im Tourismus die Rede ist, geht es meist nur um Online-Buchungen oder Websites.

Stolba: Ja und nein. Natürlich beschränken sich die Aktivitäten derzeit auf Vertrieb und Kommunikation. Tourismus ist ein Informationsgeschäft. Aber die Technologie hat unsere Branche verändert. Rund 10 Prozent aller Buchungen passieren heute online, bei manchen Betrieben erreicht der Anteil immerhin schon weit über 50 Prozent. Wenn Sie so wollen, liegt hier die wahre Innovation - bei der veränderten Wertekette.

STANDARD: Existieren eigentlich konkrete Pläne für neue E-Projekte?

Stolba: Die Österreich Werbung arbeitet an einem Prototypen für ein Recommendation-System, eine Art "Tourismus-Amazon". Kunden erhalten aufgrund ihrer Profile Empfehlungen für Destinationen. Weiters möchten wir uns intensiver dem Bereich Web 2.0 widmen. Also allen Community-Themen wie Reiseberichte oder Bewertungsplattformen.

STANDARD: Welche Rolle könnte das Online-Marketing im Geschäft mit dem Gast künftig spielen? Hier scheint sich in Österreich eher wenig zu tun abseits klassischer Anwendungen wie etwa Newsletter-Versand.

Stolba: Durch Web-2.0-Anwendungen übernimmt der Gast zunehmend die Kontrolle. Er generiert seinen Content selbst. Nennen wir das ruhig einmal Mundpropaganda im Internet. Generell wird Online-Marketing sicher immer wichtiger. Das spiegelt sich darin wider, dass es sich um den größten Wachstumsmarkt bei Werbeausgaben handelt. Die Österreich Werbung verfügt mit "austria & more" über ein internetbasiertes Kundenbindungsprogramm - hier haben wir doch schon mehr als 130.000 Mitglieder.

STANDARD: Wo orten Sie andererseits dringenden Aufhol- oder Handlungsbedarf, was IT in der heimischen Tourismuswirtschaft betrifft?

Stolba: Handlungsbedarf gibt es auf jeden Fall bei der Online-Buchung, Betriebe müssen dem Kunden effiziente Angebote präsentieren. IT ist bekanntlich auch ein sehr schnell wachsender und sich laufend ändernder Sektor, deshalb sollte man auch laufend in die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern investieren.

Einen weiteren Faktor bildet die starke internationale Konzentration: Vier bis fünf Player wie Expedia oder Priceline teilen sich heute den großen Kuchen im weltweiten Online-Geschäft. Hier müssen die Partner eng zusammenarbeiten, damit gewährleistet bleibt, dass Österreich am elektronischen Markt in Zukunft stark vertreten ist.

STANDARD: Welche Perspektiven gibt es Ihrer Ansicht nach eigentlich für mobile Kommunikation?

Stolba: Das ist sicher eine besondere Zukunftschance: Gerade mit dem Reifegrad von UMTS sowie neuen Endgeräten wird es hier wohl neue Möglichkeiten geben, um den Gast dann auch während seiner Reise aktiv zu begleiten. Die Österreich Werbung arbeitet derzeit an der Umsetzung einer mobilen Lösung ihrer interaktiven Landkarte und ist auch in einem Forschungsprojekt betreffend mobile Services engagiert.

STANDARD: Welche Trends abseits von Handy und Taschencomputer (PDA) werden in Österreich noch an Bedeutung gewinnen, was den E-Tourismus betrifft?

Stolba: Trends sind Empfehlungssysteme sowie Dynamic Packaging, wo sich der Gast sein individuelles Angebot selbst zusammenstellt. Auch das Semantic Web gewinnt an Bedeutung - also das Verstehen und Interpretieren von Inhalten. Das bedeutet für uns eine sehr große Herausforderung, da wir in unserem Call-Center "Urlaubsservice" möglichst aktuell und effizient über unser Land Auskunft geben wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 8. November 2006)

Links
www.austria.info

www.tiscover.com

www.nethotels.com

www.feratel.com

www.expedia.com

www.priceline.com

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Zur Person
Die 42-jährige Petra Stolba ist seit 1990 im Bereich Tourismus tätig. Davor war sie Abteilungsleiterin bei Volksbank Reisen, Geschäftsführerin des Austrian Convention Bureau oder Bereichsleiterin für Marketing, EDV und Planung der Niederösterreich Werbung.

Im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit leitete sie die Abteilung Grundsatzpolitik für Tourismus- und Freizeitwirtschaft. 2004 wurde sie Geschäftsführerin der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft der Wirtschaftskammer. An der WU Wien studiert die zweifache Akademikerin jetzt auch Betriebswirtschaftslehre. (pren)

  • Sieht viel Licht, aber auch Schatten im heimischen E-Tourismus: Petra Stolba von der Österreich Werbung glaubt an Handlungsbedarf im Bereich der Onlinebuchungen.
    foto: der standard/hendrich

    Sieht viel Licht, aber auch Schatten im heimischen E-Tourismus: Petra Stolba von der Österreich Werbung glaubt an Handlungsbedarf im Bereich der Onlinebuchungen.

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