Der Sonnenpopanz

9. November 2006, 13:47
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Der deutsche Regisseur und Theaterpädagoge Harald Clemen inszeniert "Der Theatermacher" am Josefstadt-Theater - ein STANDARD-Gespräch

Wien - Der Schmierenkünstler Bruscon - ein "Staatsschauspieler" - reist mit Schminkkiste und Familienpack durch den schönen Innkreis (OÖ). Er führt die totale Menschheitskomödie (das Rad der Geschichte) auf der Grundlage wurmstichiger Tanz- und Scheunenböden auf. Er schwadroniert die angeblich dumpfen Einheimischen in Grund und Boden, und er überzieht die in Sippenhaftung genommenen Angehörigen mit zärtlichem Schimpf und liebender Schande.

Thomas Bernhards Der Theatermacher ist, obwohl in Utzbach in der unmittelbaren Nachbarschaft von Gaspolts-hofen spielend ("Utzbach wie Butzbach"), nicht weniger als der Gipfelpunkt einer gut zweitausendjährigen Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Sagt Regisseur Harald Clemen, in dessen Regie diese Rhapsodie auf die Verschwisterung von elendem Leben und erhabener Kunst ab morgen im Wiener Josefstadt-Theater zu sehen ist - mit Otto Schenk in der Titelrolle (19.30 Uhr).

Theaterwackerstein

"Die Grundlage dafür, einen solchen Wackerstein zu wälzen," sagt Clemen, "ist die große Neugier, die alle Theaterleute packt, wenn sie in den Theatermacher die Nase hin-einstecken. Nachdem ich schon viel mit dem Stück geliebäugelt habe im Laufe meines Lebens - ich hatte ja sogar schon die Überlegung, es in Mexiko zu machen, dort hatte man nach einer spanischen Version gefragt -, hat es jetzt in Herbert Föttingers ,neuer' Josefstadt geklappt."

"Bruscon", erklärt Clemen, ein ehemaliger Assistent von Hans Lietzau, Dieter Dorn oder Ernst Wendt, "ist eine Riesenrolle, in die ein Schauspieler einfach hineinschlüpft, um da drin sein eigenes Ich zu finden! Das meint gerade eben keine Personenfixierung, wie bei manchen Thomas-Bernhard-Stücken, die mit Bernhard Minetti in der Hauptrolle gegeben wurden."

"Ein großes, freies Feld" - Harald Clemen holt tief Luft -, "denn Bruscon ist ein Despot in den schrecklichsten Extremen, der zugleich zu einer kindlich-berührenden Figur anwächst. Zwischen diesen beiden Pfeilern spielt sich ein Kampf ab: auch in Bezug auf die Fixsterne und Trabanten, die diesen Sonnengott umkreisen."

"Mich hat das immer wieder an die Schrecken der Kindheit erinnert - als es hieß: Du musst Gott fürchten und lieben, und zwar in dieser Reihenfolge. Die Furcht ist erst groß - aber dann lieben ihn natürlich seine Frau, der Sohn und die Tochter, und wohl auch der Wirt, der von ihm zwar niedergeredet wird, aber dann von diesem Sonnengott sogar profitiert, der in die hintersten Winkel der österreichischen Provinz reist!"

Clemen, einer jener Regisseure, die lieber die eine oder andere Produktion weniger abliefern, bevor sie in das Abstottern atemloser Manierismen verfallen, hat aus Thomas Bernhards vermeintlich statischem Stück die Parabelbewegung herausgezeichnet: Die Sonne versengt und wärmt ihre Kinder.

Am Schluss aber, wenn vor der abendlichen Wirtshausaufführung von Bruscons Rad der Geschichte ein Utzbacher Gebäude in Flammen aufgeht, hat ein größeres Zentralgestirn, als es der arme Bruscon ist, seine Strahlen unheilbringend ausgesendet: So stiehlt zuletzt die natürliche Schöpfungsinstanz der Kunst den wohlverdienten Schlussapplaus.

Lob der Melancholie

Clemen, der vor vielen Jahren am Wiener Burgtheater inszenierte und gelegentliche Tupfer in Emmy Werners Volkstheater-Spielplan anbrachte (Die Unbekannte aus der Seine), will im Bruscon des Otto Schenk ein Geschenk erhalten haben: "Wenn man einen derartigen Schauspieler vorfindet, der die Komik mit seiner abgrundtiefen Melancholie zu verbinden versteht - so kann man sicherlich von idealen Theatermacher-Vor-aussetzungern sprechen!"

Clemens Deutungsehrgeiz zielt freilich tiefer: In Bruscon, diesem Schattentyrannen der in die hintersten Provinzwinkel verdonnerten Lebensschmiere, kulminieren sämtliche Väter- und Patriarchengestalten einer insgesamt entgleisenden Weltordnung. Bruscon, der sich von der Tochter die Füße massieren lässt, der die Lungenkrankheit seiner Frau Agathe wie einen gezielten Anschlag auf sein Lebenswerk quittiert, ist ein Nachfahre sämtlicher Moli-ère-Tyrannen. Und noch die Tugendbolde eines Friedrich Hebbel (der Meister Anton aus Maria Magdalena) sind aus dem nämlichen unbiegbaren, unzerbrechlichen Holz geschnitzt.

"Denken Sie an eine Symphonie", sagt Clemen: "Nach der Art eines großen Symphonikers verquickt Thomas Bernhard seine Lebensthemen!" Eine Bürgerdämmerung für den Josefstädter Plüsch. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 11. 2006)

  • Den Regisseur Harald Clemen (59) reizt am "Theatermacher" das Welttheater - und ein Bruscon namens Schenk.
    foto: newald

    Den Regisseur Harald Clemen (59) reizt am "Theatermacher" das Welttheater - und ein Bruscon namens Schenk.

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