Zweifelhafte Fotos im Kinderland

10. November 2006, 19:27
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"Man wird total überrumpelt": Datenschützer kritisieren Check-in zur Kinderbetreuung in Einkaufszentren

Linz – Papa ins nächste Café, die Kinder ins Spieleparadies, und schon hat Mama grünes Licht für eine ausgedehnte Shoppingtour. Die Spielecke von gestern hat aber längst ausgedient, heute übertrumpfen sich die heimischen Einkaufszentren mit immer größeren Kinder-Ländern. Doch die Kontrollen am Tor zum Paradies sind mitunter scharf.

Das Kinderland im neuen "Haid-Center" am Linzer Stadtrand ist jetzt ins Kreuzfeuer der Datenschützer-Kritik geraten. Stein des Anstoßes sind Fotos, die beim Kinderland-Check-in von den Kleinen geknipst und gespeichert werden. Ähnlich wie in anderen Betreuungseinrichtungen müssen die Eltern vor vorübergehender Abgabe ihres Nachwuchses auch im "Haid-Center" ein Formular mit Namen, Geburtsdatum, Adresse und Unterschrift ausfüllen. Ein Beleg bleibt dann im Kinderland, einen Abholschein bekommen die Eltern. Am Schluss zückt die Empfangsdame aber noch eine Kamera.

"Man wird total überrumpelt. Mich hat da keiner nach meinem Einverständnis gefragt, die haben meinen Kleinen einfach geknipst", erzählt eine verärgerte Mutter im Standard-Gespräch. Erst durch Zufall habe sie dann bemerkt, dass Bilder und Daten gespeichert werden, um den nächsten Besuch zu erleichtern. "Das ganze ist ein völliger Unsinn und vor allem datenrechtlich mehr als bedenklich", kritisiert Hans G. Zeger, Geschäftsführer der "Arge Daten" auf Standard-Anfrage. "Leider werden solche Pfusch-Aktionen immer mehr, es ist echt erschreckend", so Zeger. Vor allem rechtlich sei so ein Foto ein Problem.

"Kinder im Käfig"

"Nur wenn ein entsprechender Sinn und Zweck vorliegt, ist so ein Foto samt Speicherung gedeckt." Im konkreten Fall sei besagter Sinn aber nicht erkennbar und das Vorgehen daher "klar rechtswidrig", ist der Experte überzeugt. "Es wird ja nur ein Foto vom Kind gemacht und keines von den Erziehungsberechtigten. Wenn also jetzt ein Fremder mit dem Abholschein kommt, kann keiner überprüfen, ob das wirklich der Papa ist", kritisiert Zeger. Generell hätten die Eltern aber das Recht auf Datenlöschung. "Es wird immer ärger, am besten man macht Fingerprints, sperrt die Kinder dann in einen Käfig und gibt der Mama den Schlüssel", ärgert sich der Datenschutzexperte.

Vonseiten der Verantwortlichen im "Haid-Center" sieht man kein Problem. "Die Bilder sind Teil eines dreistufigen Sicherheitskonzeptes: Daten des Kindes, Unterschrift der Eltern und eben das Foto. Probleme hätte es noch nie gegeben", beteuert Center-Manager Gerhard Altendorfer. Außerdem hätte die Grazer Firma "Wiki" das Konzept entwickelt und auch in anderen Einkaufszentren bereits umgesetzt. Bei "Wiki" rechtfertigt man die Kinderfotos, wenn auch mehr aus Mitarbeitersicht. "Bei uns arbeiten fast ausschließlich Kindergartenpädagoginnen und die sind zu 95 Prozent visuelle Typen. Außerdem sei durch die Fotos die Verwechslungsgefahr bei der Rückgabe geringer", so Projektleiterin Barbara Gartner-Hofbauer. Ob nicht aus Sicherheitsgründen auch die Eltern auf die Fotos sollten? "Für solche Anregungen sind wir immer dankbar", so Gartner-Hofbauer. Beim nahen Möbelriesen Ikea gibt es übrigens Kinderbetreuung ohne Passbild. Eltern füllen ein Formular aus, das Kind bekommt eine Nummer, die zu Mama und Papas Ikea-Mobiltelefon passt – und schon entschwindet jeder Familienteil ruhigen Gewissens in seine Welt. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.11. 2006)

  • Ohne Fototermin kein Spielen im neuen Shopping-Tempel "Haid Center".
    foto: standard/coco

    Ohne Fototermin kein Spielen im neuen Shopping-Tempel "Haid Center".

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