"Dummheit, die sich nicht mehr reparieren lässt..."

7. November 2006, 07:00
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Schwestern und Mütter der selbst ernannten "racaille" schreiben aus ihrer Sicht über das Leben in den fran- zösischen "Banlieues"

In Paris ließen Jugendliche die Fahrgäste aussteigen, bevor sie einen Linienbus in Brand setzten, in der wilden Hafenstadt Marseille warfen Jungen ohne Rücksicht auf Verluste einen Brandsatz durch das Fenster in den Bus hinein. Eine 26-Jährige liegt mit starken Verbrennungen im Krankenhaus. Einer der Verhafteten ist 15 Jahre alt. Wozu das alles? Was soll das? Wie sehen die Schwestern und Mütter der selbst ernannten "racaille" ("Gesindel") die Lage, fragte Kerstin Kellermann in Marseille nach.


"Ich habe den Ursprung des Wortes banlieue entdeckt: Ort der Verbannung (lieu de bannissement) und sogar im Wörterbuch selbst steht 'Verursacher sozialer Probleme'! Ich werde dieses Wort nie wieder benützen. Es ist furchtbar. Ort der Verbannung, das zeigt wirklich den Ausschluss des Teiles der französischen Gesellschaft, der in diesen Vierteln lebt und absichtlich zur Seite gestellt wird, weil er anders ist: Fremde, Immigranten, Kinder von Immigranten und Arme", schreibt eine junge Frau in der Broschüre "Aimer, demain/Lieben, morgen" der "Groupe de Parole de Filles". Und weiter: "Genauso schlimm ist es, dass sich die Jungen im Viertel damit rühmen 'racaille', also Gesindel, Pack, Ausschuss oder Schund, zu sein! Was nach dem Wörterbuch 'verachteter Pöbel' bedeutet."

"Dieser Weg bringt nichts"

Seit 2003 existiert die "Groupe de Parole de Filles", eine starke Gruppe der Stimme von Mädchen und jungen Frauen maghrebinischer Herkunft, die sich in Publikationen ihren Emotionen stellt. Während sich Jungengruppen nach außen abreagieren und abenteuerlustig ihre Wut ausleben, versuchen die Mädchen ihre Balance schreibend in sich selbst zu finden. "Das, was in unserem Viertel passiert ist, die verbrannten Autos, das war nur aus Gründen der Solidarität. Wenn ich ein Junge wäre, hätte ich es auch getan. Frankreich verstößt seine Jugend, in dem es sie in bestimmte Viertel einsperrt. Wir sind Frankreich völlig egal. Es ist unmöglich eine Arbeit zu finden, sogar wenn man studiert hat, aber eine Araberin ist. Wenn man immer zurück gewiesen wird, ist es klar, dass man sich beschwert. Aber wir wagen es nicht unsere Klage zu stark zu formulieren, denn schließlich wollen wir ja diese Arbeit." Das Mädchen zitiert die Rap-Band Sniper, die bereits 1999 meinte, "Der einzige Weg, dass sie auf uns hören werden, ist der Autos zu verbrennen" und auch "Dieser Weg bringt nichts, aber was für eine Wahl haben wir?" Sie beschreibt, wie ihr die Tränen aufsteigen, wenn sie den Namen eines Jugendlichen, der in ihrem Viertel gestorben ist, an die Wände gesprüht sieht. Um den Toten gleich darauf direkt anzusprechen: "Wem dient das, wenn du nicht redest? Wenn du niemanden um Hilfe bittest? Wem dient das, wenn du alles im Grunde deines Herzens versteckst? All dieser Hass und dass du ihn eingeschlossen hast in dir, hat in Wirklichkeit zu deinem Tod geführt! Ich sage mir: Scheiße! Warum hast du das getan? Du hättest das vermeiden können! Du hast die einzige Dummheit gemacht, die sich nicht mehr reparieren lässt." Wahrscheinlich handelt es sich hier um einen der beiden Jungen, die sich auf der Flucht vor der Polizei in einem Trafo versteckten und verbrannten. Die junge Frau selbst mag es nicht, für ein Opfer der Umstände gehalten zu werden, wie sie schreibt. "Ich hasse es, wenn man in meinem Namen redet. Ich habe selbst einen Mund. Ich kann mich ganz alleine ausdrücken. Aber manchmal bin ich blockiert. Es ist der Zorn, der mich blockiert."

"Ihre Familie ist traurig"

In einer der kleinen Städte in der Nähe von Marseille, in der nur Einwanderer leben, gibt es neuerdings die "Groupe de Parole de Femmes", die Gruppe der Mütter der Mädchen der "Groupe de Parole de Filles", die in Alphabetisierungskursen Französisch schreiben und lesen lernen und ebenfalls publizieren. "Aimer. Il faut donner le courage aux enfants/Lieben. Man muss den Kindern Mut geben" nennt sich die Broschüre, die all denen gewidmet ist, "die ein Kind verloren haben". "Es ist schwer für die Mamas der Jungen, die verhaftet wurden. Jeder hat die gleiche Meinung über die verbrannten Autos", schreibt eine der Mütter im "Atelier der Alphabetisierung". "Es ist nicht gerecht, es ist nicht fair. Und dahinter steht das Bild, dass diese Leute arabisch sind. Unsere Kinder haben nicht die gleichen Rechte wie die Franzosen." Ihre Tochter suche seit zwei Jahren Arbeit. Sie sei noch kaum am Ausgang einer Firma angelangt, da würfen die Chefs schon ihren Lebenslauf in den Papierkorb. "Die Aufstände haben mit der Religion nichts zu tun", meint sie und: "Es gibt nicht nur Araber, die Autos anzünden, es sind genauso Franzosen dabei. Die Jugendlichen haben alle das gleiche Problem: Sie finden keine Arbeit. Im Fernsehen zeigen sie uns nur Araber, daher wird das vermischt. Das macht Angst, was da draußen passiert. Allen. Jungen, die irgendetwas anstellen, und am Ende eingesperrt sind oder in ihre Länder zurück geschickt werden. Gefängnis oder Ausweisung bringen nichts in Ordnung. Ihre Familie ist traurig. Das ändert nichts." Diese Mutter meint, es wäre besser, Demonstrationen zu veranstalten, um gegen den Rassismus zu kämpfen, als Autos anzuzünden, während in allen großen Städten die Gewalt zu nehme: "Die Jungen, sie sind alle Franzosen, es gibt keinen Unterschied. Die Kinder, die hier geboren sind, sollten die gleichen Rechte wie alle anderen haben. Mein Sohn, er fühlt sich französisch." Eine andere Mutter schreibt ebenfalls in einem Kommentar: "Wir sind vielleicht woanders geboren, aber unsere Kinder kamen hier auf die Welt. Sie sind keine Fremden. Unsere Kinder sind Franzosen."

Gehört die Straße den Jungs?

Warum gibt es in Afrika eine starke Bewegung mit vielen Projekten im Bereich Straßen- oder Flüchtlingsmädchen, die auf das Besetzen des öffentlichen Raumes abzielen, und in den Zielländern der Migrantinnen nur brave Projekte, die allein den institutionalisierten Raum erschließen wollen? Das stimmt so nicht, widerspricht Emma, ein Mädchen der "Groupe de Parole de Filles" aus Pierrelatte bei Marseille. Es gibt die Bewegung "Ni Putes, ni Soumises" ("Keine Huren, keine Unterworfenen"), die im Februar 2003 gegründet wurde, nachdem die 19-jährige Sohane in Vitry sur Seine verbrannt worden war. Es folgte damals der Marsch der Frauen gegen die Ghettos und für Gleichberechtigung. Außerdem ziehe die "Karawane für die Rechte der Frauen" jedes Jahr von Marokko, Algerien und Tunesien aus durch Frankreich und berate in einem Berberinnenzelt an öffentlichen Plätzen die Migrantinnen. "Jetzt gibt es uns", lachen die Mädchen. "Wir sind ein Pool des Widerstandes hier. Aber wir sind nicht auf der Straße, das stimmt."

"Du ziehst dich zurück"

"In Frankreich gibt es das Gesetz, das soziale System", sagt Emma. "In den afrikanischen Ländern gibt es gesetzesmäßig noch viel zu tun. Tunesien nimmt sich ein Beispiel an Frankreich und die Frauen haben dort mehr Rechte erhalten, zumindest in der Hauptstadt." "Die Realität in Pierrelatte im alltäglichen Leben, sieht aber so aus, dass ihr die Straße nicht benützt", behauptet die Bibliothekarin und Lehrerin Cecile Moulain. "Es ist nicht so leicht sich draußen aufzuhalten, mit den ganzen Jungengruppen, die herum hängen. Ihr seid nur wenig draußen." "Wir haben immer alle gemeinsam auf den Straßen gespielt", sagt Karima. "Aber mit der Pubertät, wenn du eine junge Frau wirst, ändert sich die Einstellung der Jungs dir gegenüber, du kannst nicht mehr so einfach herum laufen und dich amüsieren. Du bist nicht mehr so locker." "Immer beobachtet dich wer und du verschwindest aus dem öffentlichen Raum. Du ziehst dich zurück", sagt Leila leise. "Nur hier in der Bibliothek in der Gruppe oder zu Hause in meinem Zimmer habe ich Platz. Aber jetzt haben wir Freitag Nachmittag einen Saal im sozialen Zentrum für uns gemietet. Da machen wir, was wir wollen."

Selbstständig leben

"Mädchen, die abends fort gehen, kriegen einen schlechten Ruf", erzählt eine junge Frau an einer Bushaltestelle in Marseille, die aus ihrem maghrebinischen Viertel im Norden in den Süden gekommen ist, um zum Friseur zu gehen. "Wir gehen abends nicht raus. Es ist zu gefährlich. Abends sind nur Jungen in der Metro." Die Sonne scheint und das Meer leuchtet hinter ihrem Rücken, die Szene wirkt äußerst friedlich. Ihre Freundin, die die gleichen riesigen runden Ohrringe aus Silber trägt, schaut in die Zukunft: "Ich will Führerschein machen und Krankenschwester werden. Ich werde selbstständig leben. Bei uns gibt es keine Zwangsehen mehr, das ist vorbei. Unsere Leute wollen das nicht."

  • Fotostrecke: Pablo Diaz Marin
    foto: pablo diaz marin
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  •  Während sich Jungengruppen nach außen
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Balance schreibend in sich selbst zu finden.
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    Während sich Jungengruppen nach außen abreagieren und abenteuerlustig ihre Wut ausleben, versuchen die Mädchen ihre Balance schreibend in sich selbst zu finden.
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