Verzichtsaufkleber

7. November 2006, 17:07
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Vermutlich bin ich einfach nur zu blöd zu verstehen, wie dieser Folder seine echte Zielgruppe erreichen soll

Es war am Freitag. Da bekam ich Post von der Post. Nicht persönlich an mich, aber immerhin in einem Kuvert. Und seither rätsle ich, wieso. Denn wenn es so wäre wie die Post mir schreibt, dass es sei, hätte ich den gelben Folder eigentlich gar nicht bekommen dürfen. Und wüsste also jetzt auch nicht, was mir alles entgeht wenn ich nicht tue, was die Post mir vorschlägt zu tun. Obwohl ich das doch gar nicht kann.

Die Post will nämlich, dass ich einen Kleber von meinem Briefkasten entferne. Weil mir durch diesen Kleber wertvolle Informationen entgingen, sagt die Post. Und damit ich mich leichter dazu durchringe, diesen Kleber von meinem Briefkasten zu entfernen, lockt mich die Post: Ich bekäme dann nämlich Warengutscheine im Wert von 60 Euro. Klingt doch super, oder?

Nur Vorteile

Die Sache hat nur einen Haken: Auf meinem Briefkasten klebt nichts. Wie soll ich also jenen „Verzichtskleber“, den ich – so behauptet es jedenfalls die nicht namentlich an mich adressierte Postwurf-Broschüre der Post – an meinem Briefkasten angebracht habe, um mich vor nicht an mich adressierten Postwurfsendungen zu schützen, abziehen? Und wie kann ich endlich wieder – so die unangeforderte, nicht-namentlich adressierte Postwurfsendung – alle „Vorteile für Werbeempfänger“ (Post-Prospekttext) genießen, auf die ich derzeit allem Anschein nach unfreiwillig und unwissentlich verzichte? Weil ich, erklärt mir die Postwurfsendung der Post, ja keine Postwurfsendungen erhalte.

Aber vermutlich bin ich ja nur blöd. Denn auch nach mehrtägigem Grübeln versteh ich nicht, wie diese Botschaft die erreichen soll, für die sie doch wohl gedacht ist: Hätte ich den Kleber, dürfte der Folder doch – auch und gerade wenn ich mir wieder und wieder durchlese, welche Prospekte, Kataloge, Informationen der Gemeinde und Einladungen zu Festen der freiwilligen Feuerwehr – wirklich nicht bei mir ankommen. Oder wie?

Neue Postkästen

Egal: Ich habe ja eh keinen „Verzichtskleber“. Das ist ein Fehler. Denn– das lese ich aus dem Prospekt der Post heraus – als einer jener Menschen, die schon einen neuen Postkasten haben (der Austausch war die vermutlich einzige Handlung seit meinem Einzug hier, bei der meine Hausverwaltung nicht faul, träge und langsam war – prompt wurde die Austauschpflicht ja auch aufgehoben ...) weiß ich, dass das beruhigende Infokasterl im Post-Folder, in dem mir versichert wird, dass ich (wohl: beim Austausch der Postkästen) ganz bestimmt nicht mit einem täglichen Werbefolder-Tsunami rechnen müsse, ein glatte Lüge ist.

Denn wenn es früher etwa eine Woche dauerte, bis mein Postkasten überquoll, birst das Gefäß, seit der neue Briefschlitz für jeden offen steht, binnen zwei Tagen. Da kann mir die Post noch so oft versichern, dass doch eigentlich eh nur sie für den Löwenanteil des Altpapiers zuständig ist und dass das alles keine Belästigung sei, sondern ich per Postkasten aktive Arbeitsplatzsicherung betreibe, ich den Warenmarkt genau kennen lernen und mir nur so zahllose Vergünstigungen das glückliche Konsumentenleben erleichtern. Und die Erde (steht vermutlich im Kleingedruckten) ist eine Scheibe.

Dazwischenpüriert

Was die Post nicht erwähnt: Weil der Briefträger (oder wer auch immer) den Briefkasten nicht mehr aufsperren kann, stopft er durch den Schlitz bis nix mehr geht. Und seit mein Nachbar da den Abholschein einer Ladung zu einer für ihn nicht unwichtigen Gerichtsverhandlung übersah, der wohl zwischen die Seiten eines Noch-gräßlicher-als-billig-„Möbelhauses“ püriert wurde, blättere ich tatsächlich jeden Folder einmal durch. Informationsvorsprung, der sich echt bezahlt macht: Ein oder zwei relevante und adressierte Zuschriften habe ich so schon gerettet.

Aber darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Schließlich kann sich im Post-Folder nichts versteckt haben. Den habe ich nämlich ganz genau durchblättert und gelesen. Mehrfach sogar. Weil mich das Wort „Verzichtskleber“ fasziniert hat: Ich hätte verdammt gerne aus dem Folder erfahren, wo und wie ich an das Ding komme. Aber von wegen „Informationsvorsprung“: Dazu findet sich in dem Prospekt kein Wort.

Zielgruppenfrage

Das der Post als Informationsversäumnis ihres informativen Postwurfwerkes anzulasten, sei aber infam, klärte mich A. dann auf. Ob ich die Post denn wirklich aus purer Boshaftigkeit missverstehe? Schließlich seien Menschen wie ich doch gar nicht Zielgruppe des Folders: Die nicht persönlich adressierte Folder-Sendung der Post erhielten doch nur Menschen, die keine nicht persönlich an sie adressierte Post bekommen wollen – und die, so A., hätten den Kleber doch alle längst.

Bleibt noch eine Frage: Wenn die Post glaubt, ich hätte einen Verzichtsaufkleber auf meinem Briefkasten und jetzt ist keiner drauf – kriege ich dann auch das Gutscheinheft über 60 Euro? Nicht, dass ich glaube, dass da irgendetwas dabei wäre, was das Entfernen des Klebers rechtfertigen würde – aber wenn mir die Post schreibt, dass mir das zusteht, wird sie ja wohl wissen, wieso.

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