"Die Natur ist der eigentliche Poet"

5. November 2006, 10:00
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Der deutsche Autor, Film- und TV-Macher Alexander Kluge im STANDARD-Interview über sein neues Buch, Glücksvorräte und Bescheidenheit

STANDARD: Woran arbeiten Sie gerade?

Alexander Kluge: Derzeit schreibe ich ein Buch, Geschichten vom Kino, ausgehend von dem, was ich beim Filmen erlebt habe und was ich mit der Frühgeschichte des Films verbinde. Da sitze ich zum Beispiel in einem Nebengelass der CCC-Studios in Berlin, wo Fritz Lang den Tiger von Eschnapur inszeniert hat, und ich beobachte das Verhalten von Sonnenstrahlen, einen Nachmittag lang.

Diese Sonnenstrahlen könnte man übrigens mit einer Zeitrafferkamera wunderbar filmen, dann sähe man eine Minute lang, wie die Sonne eigenartige Strukturen auf eine Wand wirft. Eigentlich ist das, was ich in diesem Gelass sehe, wo lediglich Geräte untergestellt sind, viel interessanter als das, was nebenan gerade mit viel Scheinwerfern als Spielhandlung inszeniert wird.

STANDARD: Damit sind wir bei Ihrem aktuellen Buch "Tür an Tür mit einem anderen Leben", wo vergleichbare Gleichzeitigkeiten variiert werden. Auch da lagern Sie Zeitläufte übereinander. Und auch hier sammeln Sie einmal mehr Geschichten. Inwiefern unterscheidet sich der Duktus dieser Sammeltätigkeit von jener für die "Chronik der Gefühle" oder für die "Lücke, die der Teufel lässt"?

Kluge: Dieses Buch ist subjektiver. Ausgehend vom Schneckenhaus, in dem man lebt, habe ich es mir hier geleistet, mich stärker nach außen vorzuwagen, aber mich auch drinnen stärker zu Hause zu fühlen. Schon die vorigen zwei Bücher folgten dem Ideal "subjektiv-objektiv" zu erzählen - also immer wieder die Härte eines Gegenstandes ernst zu nehmen und gleichzeitig die Härte der subjektiven Seite, der Gefühle, dagegenzusetzen.

Im neuen Buch habe ich mir ein bisschen mehr geleistet, diesbezüglich. Ich hatte zum Beispiel eine Mittelohrentzündung als Kind und durfte deshalb nicht in den Zirkus, der damals in Halberstadt gastierte. Das bedaure ich noch jetzt, das fehlt mir in meinem Leben. Für die Zeitgeschichte ist es nicht relevant. Also entwickle ich ein Kapitel über Zirkus. Ich komme dabei ganz woanders an, denn, dass der Zirkus mit der Französischen Revolution etwas zu tun hat, das habe ich ja als Kind nicht gewusst. Damals wollte ich sehen, dass ein Flugzeug in der Manege landet. Aber dass das mit der Propaganda für die Luftwaffe zu tun hatte, das kann ich jetzt erkennen. Mich führt sozusagen ein Bedürfnis, dem ich nachgegeben habe, so wie man sich zum Mittagsschläfchen hinlegt oder eine Nachspeise isst, aber es führt mich dorthin, wo ich jetzt bin.

STANDARD: Sie wären nicht Alexander Kluge, wenn Sie sich jetzt nicht gleichzeitig den subjektivsten Dingen aus der größten Distanz nähern würden. Das Vorwort neben dem Bild erzählt ja gleichzeitig von der Erde vor vielen Millionen Jahren: Snowball-Earth. Im Bild wie im Text geht es in unterschiedlichen Zeit- und Raum-Verhältnissen um Glücksvorräte.

Kluge: Weil es wahr ist, dass wir so etwas in uns tragen. Wir wachen morgens auf, der Vortag war fürchterlich, und trotzdem sind die Nerven und die Zellen wieder frisch, abenteuerlustig, obwohl möglicherweise wieder ein Tag kommt, in dem wir so leben müssen, wie wir eigentlich nicht leben möchten. Offenkundig tragen wir etwas aus den Vorzeiten in uns, das summt sozusagen im Kreislauf, man kann es bei den Kindern sehen: ein Glücksversprechen. Etwas, das früher schon einmal gelungen ist. Und ob ich das jetzt in den warmen Urmeeren verorte oder unter dem Tisch oder im Stau aus den Eisjahren, das ist mir im Grunde meines Herzens egal. Wenn mir ein Archäogeologe oder ein Paläobiologe solche Geschichten erzählt - das sind die wahren Märchen.

STANDARD: Am Ende des Buches steht denn auch die Geschichte "Der Sechsjährige in mir und der gestirnte Himmel über mir" . . .

Kluge: Dieser "gestirnte Himmel über mir" repliziert auf Immanuel Kants Aufforderung zur Vernunft. Kant platziert die Vernunft zwischen dem Gewissen - einer Verstandestätigkeit, die auf sich selbst vertraut - und diesem Kosmos. Es gibt mehrere Geschichten in dem Buch, zum Beispiel Ist Liebe eine republikanische Tugend?, die diesem Gedanken nachgehen, und sie sind sozusagen Gegenpole zu Manon Lescaut, dem Liebesroman, wo diese Frau sagt: Alles, was meiner Liebe dient, ist der kategorische Imperativ, dem ich folge. Zwischen dieser Einstellung und der von Kant liegt eine Welt. Ich kann nicht anders, als mich in beiden Welten zu bewegen. Einerseits kann ich lieben - und diese Liebe ist völlig ungerecht und parteiisch, man könnte nie eine Republik drauf gründen. Andererseits erzählt Kant von Anforderungen, die es objektiv gibt, wenn Sie eine Republik wollen, sich vertragen wollen, keinen Bürgerkrieg wollen. Das scheint mir - von Beirut bis zu meinem persönlichen Leben - eine Doppelfrage zu sein.

STANDARD: Jetzt gibt es ja eine durchaus deprimierende Seite an dem Buch: Über die Frage der Ungleichzeitigkeiten kommen wir auch zu Geschichten wie "Zeitbedarf bei Revolutionen". Wenn der Mensch sich jetzt Verbesserung oder Veränderung wünscht und Reformen einleitet, ist es nur ein trister Trost, wenn man hört, dass das erst in vielen Jahren greifen wird.

Kluge: So argumentiere ich ja nicht. Ich erzähle eine einfache Geschichte: Da kommt aus Nordfrankreich ein junger Mensch 1789 nach Paris - so wie im Film Das Parfum, nur ist er nicht auf Parfum, sondern auf Utopie aus. Und er entwickelt das Einzige, was die Revolution dringlich braucht, nämlich Schulen für Citoyens. Aber seine ersten Jahrgänge, die brauchbar wären, sind erst 1818 fertig, und da ist der König schon wieder da. Und dies ist jetzt nicht negativ von mir gemeint, sondern es ist geradezu eine Euphorie damit verbunden. Wenn Sie sehen, wie das Leben wächst, das geht ja über Millionen Jahre, das hat unendlichen Zeitbedarf - und der ist sogar kürzer, wenn es darum geht, dass sich Menschen zu einem Gemeinwesen oder einem Friedensschluss oder einer Veränderung ihrer Tätigkeiten oder Eigenschaften bewegen. Für mich bedeutet es ein Gefühl poetischer Behaglichkeit, dass die Saurier vor Millionen Jahren das Zentrum der Milchstraße von der anderen Seite gesehen haben müssen. Das relativiert sozusagen die Zeitarmut, mit der ich umgehen muss, wenn innerhalb von nur sechs Monaten etwas durch Resolutionen entschieden werden soll.

STANDARD: Sie schreiben: "Wir leben ,eingerollt' im AUGENBLICK und zugleich im ZEITSTROM VON MILLIONEN JAHREN." Könnte man mit einer solchen Darstellung einen Begriff wie "Demut" verbinden? So mancher Katholik würde hier schnell sagen, deswegen müssen wir uns bescheiden.

Kluge: Ja, aber Bescheidenheit kann auch ein Mittel der Einfühlung sein. Wie Novalis sagt: Die Natur ist der eigentliche Poet, und die Naturwissenschaften sind gleichsam das Kernfeld der Poesie. Über den Nutzen der Poesie gibt es eine Geschichte in meinem Buch: Die Blätter im Herbst, die fallen, sind eine Uraltmetapher in der Dichtung. Dieses Fallen der Blätter wirkt aber global wie ein Rückstoß von Raketen, sodass sich der Erdball im Herbst um den Bruchteil einer Sekunde schneller dreht - und langsamer, wegen der sprießenden Triebe, im Frühjahr. Und diese Sekunde hat ein Ehepaar, das auf der Autobahn von Mannheim in Richtung Freiburg fuhr, vor einem Unfall bewahrt. Auswege aus dem Unglück finde ich immer erzählenswert. Und wenn ich das poetisch festmachen kann bei der demütigen oder selbstbewussten Beobachtung, dass fallende Blätter ein naturwissenschaftliches Phänomen sind, das man entweder durch einen Raketeningenieur oder mit Rilke verstehen kann - da wähle ich natürlich den Raketeningenieur. (Claus Philipp/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.11.2006)

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Alexander Kluges neues Buch

Altmetallsammler in der Megastadt Schanghai, Lichtsekten in Michigan, ein Wissenschafter, der quasi ein Monopol auf die Frühzeit der Erde ("Snowball earth") hat, Beschreibungen von Szenen aus dem Ersten Weltkrieg, anderen Kriegen, und - wieder zurück - Voltaire angesichts des Erdbebens von Lissabon; ein Porträt des "modernen Raubtiers", das die Thinktanks der US-Regierung speist; dagegen: Abschiede vom Zirkus, von den Lokomotiven; schließlich: Erinnerungen an Familie, Kindheit und an Halberstadt, den Geburtsort des deutschen Autors, Film- und TV-Machers Alexander Kluge.

Sein neues Buch, die 350 Geschichten umfassende Prosasammlung Tür an Tür mit einem anderen Leben (EUR 23,50/664 Seiten, Suhrkamp), stellt einen vorläufigen Gipfel dar in einem gewaltigen Schaffensmassiv (Chronik der Gefühle, Die Lücke, die der Teufel lässt), das in der zeitgenössischen Kunst seinesgleichen sucht. Oder richtiger: Gegenüber sucht, denn Kluges fein gedrechselte, von einer unnachahmlich sachlich flüsternden Sprachmelodie getragenen Texte und Dialoge - sie laden den Leser permanent ein, die Initiative zu ergreifen, selbstständig ein eigenes Epos sich zu erarbeiten. Verglichen mit den bisherigen Werken Kluges ist Tür an Tür sein kakophonischstes und sanftestes Werk zugleich: Das liegt einerseits an beschleunigten globalen Prozessen, die oft Gespenstergeschichten und Sci-Fi-Thriller ausspeien. Andererseits findet Kluge in privaten Rückblicken eine Vertrautheit, die mit üblichem autobiografischen Geplänkel rein gar nichts gemein hat. Bezeichnendes Schlusskapitel: Der Sechsjährige in mir und der gestirnte Himmel über mir. Kant meets little Kluge. Das macht Kopfmusik irgendwo zwischen Luigi Nono und den Comedian Harmonists. (cp / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.11.2006)

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    Zur Person
    Alexander Kluge
    war einer der Wegbereiter des Neuen Deutschen Films der Siebziger und Achtziger Jahre. Seither betreibt er drei unabhängige und unverwechselbare Kulturmagazine im an Unabhängigkeit und Unverwechselbarkeit nicht eben reichen Privat-Fernsehen.

    Als Autor ist der Büchner-Preisträger Kluge eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Literatur seit den Sechziger Jahren.

  • Artikelbild
    buchcover: suhrkamp
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