"Deutschland. Ein Sommermärchen": Patriotenstolz trübt Sehsinn

3. November 2006, 19:04
78 Postings

"Deutsch­land. Ein Som­mermärchen" - Der Film zur Euphorie: Regisseur Sönke Wortmann hat die deutsche Fußball­nationalmannschaft mit der Kamera durch die WM begleitet

Relevante Ergänzungen der bekannten Medienbilder liefert seine Dokumentation allerdings keine.


Wien – Auf den Sommer 2006 wird Deutschland wohl einmal mit einer gewissen Verwunderung zurückblicken. Die Bilder der hopsenden Kanzlerin und des flaxenden Schattenkanzlers Bastian Schweinsteiger, der eine Senkung des Steuersatzes forderte, zeugen von einer Konfusion im öffentlichen Leben, von der sich das Land nur langsam erholt. Die nationalen Fußballer scheiterten bei der Weltmeisterschaft erst im Halbfinale an den italienischen Minimalisten, der dritte Platz beim Turnier wurde "in den Herzen" zu einem Sieg eigener Ordnung umdefiniert.

Bezeichnenderweise erwähnt Sönke Wortmann, der nun mit Deutschland. Ein Sommermärchen den Film zur Euphorie herausbringt, das Finale und die tatsächliche Entscheidung mit keinem Wort. Ihm geht es um die "Klinsmänner", zu denen er exklusiven Zugang hatte. Wortmann, der sich mit dem Spielfilm Das Wunder von Berna (über den deutschen WM-Sieg 1954) der Kickernation angebiedert hatte, durfte den ganzen Sommer mit der Mannschaft verbringen. Schon auf Sardinien, wo noch regeneriert, und in der Schweiz, wo an der Kondition gearbeitet wurde, hielt er die Minikamera drauf, wann immer es ihm interessant erschien. Später nahm er mit den Fußballern Quartier im Berliner Grunewald, er saß mit ihnen auf der Ersatzbank, und zur Nationalhymne reihte er sich brav ein.

So viel Patriotenstolz trübt den Sehsinn. Ein gelassener Beobachter würde sich von Deutschland. Ein Sommermärchen jene Hintergrundbilder zur medialen Berichterstattung erwarten, die dort keinen Platz hatten. Das Gegenteil ist der Fall. Wortmanns Film fügt den bekannten Bildern kaum ein relevantes hinzu – im Gegenteil hängt dieses Märchen die ganze Zeit am Tropf des Fernsehens. Was dort von den Fanmeilen und aus den Stadien berichtet wurde, prägt die Erinnerung.

Was Wortmann ergänzt, wirkt schon in der Projektion blass (der billige Look resultiert aber auch daraus, dass es sich hier weit gehend um ein Einmannprojekt handelt). Das große Geheimnis, wie Jürgen Klinsmann aus einem Haufen überwiegend mittelmäßiger, verunsicherter Vereinsfußballer eine erfolgreiche Mannschaft formte, ergründet auch Wortmann nicht: Die Motivationsansprachen des kultisch verehrten Schwaben sind bieder, die taktischen Erörterungen von Jogi Löw sehr allgemein ("Verschieben!"), die Einschwörungsrituale kennt jede Stammtischtruppe.

Poldi- & Schweinicam

Zwischendurch ist Wortmann immer wieder mit den Spielern aufs Zimmer gegangen und hat sie dort interviewt. Nur die beiden Teenie-Schwärme Poldi und Schweini (die jeweils auch mit einer Poldi- und Schweinicam unterwegs waren) sorgen mit ihren Gebrabbel ein wenig für Stimmung. Michael Ballack (auch er gibt seine Stellungnahme im Bett ab) hat zwischendurch ein paar besondere Momente: Noch selten war ein Mittelfeldstar zu sehen, der schon mit dreißig wie ein künftiger Staatsmann des Fußballs auftritt. Ballack agiert wie der nächste Platini, erklärt Löw die Taktiktafel und den Kollegen die Notwendigkeiten der Öffentlichkeitsarbeit.

Wortmann orientiert sich deutlich an Les yeux dans les bleus, dem zu Recht berühmt gewordenen Dokumentarfilm über die französischen Weltmeister von 1998. An diesem Vorbild kann Deutschland. Ein Sommermärchen sich aber aus vielen Gründen nicht messen. An das Charisma vieler Helden der Équipe Tricolore (Zidane! Desailly! Vieira!) reichen Lehmann, Klose, Frings einfach nicht heran. Aber auch der Universalismus einer Weltmeisterschaft, den die französische Mannschaft so perfekt verkörperte, wäre für Wortmanns Sommermärchen nur störend. Klinsmann kitzelt sogar ein wenig die Instinkte: "Das lassen wir uns nicht nehmen – schon gar nicht von den Polen."

Die Polen, die Schweden, die Argentinier konnten Deutschland den Titel nicht streitig machen, wohl aber die Italiener. Macht aber nichts, denn sie haben ja nur die Weltmeisterschaft gewonnen, während Deutschland seither in einer eigenen Liga spielt. Mit Sönke Wortmanns Film ist das Land nun bei sich angekommen – in der tiefen Provinz. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.11.2006)

  • Was für ein Wunder: In der Kabine wird nach dem Sieg gejubelt.
    foto: filmladen

    Was für ein Wunder: In der Kabine wird nach dem Sieg gejubelt.

Share if you care.