Irgendwann wird jeder Kunde

2. November 2006, 19:07
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Viel Überzeugungsarbeit für das eigene Produkt müssen Bestatter nicht leisten, aber die Konkurrenz am Markt wird größer

Was für ein Markt: Rund acht Millionen potenzielle Kunden leben in Österreich. Und viel Überzeugungsarbeit für das eigene Produkt müssen die Bestatter auch nicht leisten - denn irgendwann kommt jeder und wird Kunde.


Wenn das Leben vorbei ist, wird es erst richtig teuer. Totenbeschau, Überführung und der Sarg wollen bezahlt werden. Etwa 4000 Euro kostet eine Beerdigung inklusive der Gebühren für das Grab. Doch obwohl ständig gestorben wird, ist der Bestatterberuf kein todsicheres Geschäft.

Natürlich wird irgendwann einmal jeder Kunde beim Bestatter. Das Problem ist nur das Wörtchen "irgendwann". Durchschnittlich sterben in Österreich jedes Jahr nämlich etwa 75.000 Menschen. Das sind zwar immer noch eine ganze Menge, aber die Tendenz ist fallend. Die Österreicher werden immer älter; und obwohl die Gesamtbevölkerung insgesamt leicht steigt, sinkt die Zahl derer, die sich in österreichischer Erde bestatten lassen wollen: Immer mehr Nichtösterreicher leben hier, und nach dem Tod wollen sie lieber in der früheren Heimat beerdigt werden. "Besonders wirtschaftsfreundlich ist das Geschäft mit dem Tod nicht", klagt daher Jakob Wild, der Geschäftsführer des Fachverbandes der Bestattung Österreichs, "die Nachfrage nach unserem Produkt zu heben fällt uns traditionell eher schwer".

Ende des Monopols

Stattdessen müssen die alteingesessenen Bestatter seit Kurzem auch noch um den bisherigen Markt bangen. Während der vergangenen 120 Jahre herrschte in Österreich eine Art Monopol der Gemeinden, deren Tochterunternehmen die Platzhirschen am Bestattungsmarkt waren. Private Firmen hätten einen Bedarf für ihre Dienstleistungen nachweisen müssen.

Seit 2004 ist diese Regelung abgeschafft, nun drängen neue Anbieter auf den längst aufgeteilten Markt. Genau 622 Bestattungsunternehmen gibt es derzeit in Österreich, dazu kommen noch weitere 500 Filialbetriebe. Würden die Toten gleichmäßig auf jeden der Betriebe aufgeteilt, käme jeder auf gerade einmal 65 Tote pro Jahr. Aber der Tod hält sich nicht an Durchschnittswerte. Die gesetzliche Monopolstellung der Kommunalbetriebe ist zwar abgeschafft, de facto aber sind sie auch weiterhin die Platzhirschen.

Auch in Wien hat sich kaum etwas geändert. Auf magere drei Prozent Marktanteil kommen die privaten Anbieter, der Rest geht an die Bestattung Wien, einer Tochter der Wiener Stadtwerke. Knapp 32 Millionen Euro Umsatz macht die Bestattung Wien pro Jahr. Direktor Christian Fertinger lässt sich entlocken, dass der Gewinn "einer guten Kapitalverzinsung" entspreche. Entsprechend frustriert ist die Konkurrenz. Hinter einer pietätvoll silbergrauen Fassade nahe dem Wiener Zentralfriedhof residiert der größte Mitbewerber, die Filiale des aus Kärnten stammenden Bestattungsunternehmens PAX.

"Das ist kein leichtes Business", klagt Filialleiter Markus Mertl. Für den Wettbewerb sei man aber gut gerüstet: Es gibt eine Kühlkammer, wo die Toten gewaschen und aufbewahrt werden könnten; einen - bei Seuchengefahr hermetisch abdichtbaren - Raum für Obduktionen. Im Verabschiedungssaal, für Trauerfeiern gedacht, spinnen Krabbeltiere ihre Netze, denn keiner der Räume hat bisher die erforderliche Genehmigung bekommen, entrüstet sich Mertl, "aber wir kämpfen weiter".

Neue Bestattungsarten

Die Kosten hält PAX durch die Mitarbeit von Studierenden niedrig, die vom Sarg-Tragen bis zur Erstabholung der Leichen und dem Waschen alles machen. Durch besondere Angebote will sich PAX vom Marktführer Bestattung Wien abheben, und bietet neben den klassischen Bestattungsarten alles an, was "irgendwie noch pietätvoll ist", meint Mertl.

Das Mitglied eines Motorradklubs hätte man beispielsweise mit Rockmusik ausgesegnet. Auch die Umwandlung der Kremationsasche in einen Diamanten könne man anbieten. Sogar Weltraumbestattungen finden sich im Verkaufsprospekt von PAX. Anders könne man im Markt eben nicht bestehen, meint Mertl: "Man glaubt immer, das sei ein todsicheres Geschäft. Aber wir müssen um jeden einzelnen Kunden werben, jeden Tag:" (Jens M. Lang/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11. 2006)

  • Der Tod als Serie. Schwarzer Humor in der Kult-Serie "Six Feet Under" rund um die Bestatterfamilie Fisher.
    foto: standard/tracy bennett

    Der Tod als Serie. Schwarzer Humor in der Kult-Serie "Six Feet Under" rund um die Bestatterfamilie Fisher.

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