"USA sind der halbe Kuchen"

15. November 2006, 16:47
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Wer keine US-Aktien besitzt, ignoriert die Hälfte des weltweiten Aktienkapitals, argumen­tiert Paul Haber, Manager des American Growth Fund

In den Neunzigerjahren galten die US-Börsen als Mekka für alle Anleger, doch in den vergangenen Jahren hat sich dieses Bild gewandelt: Ein unsicherer Dollar, hohe Defizite, Bilanzskandale und letztlich auch der ungeliebte Präsident im Weißen Haus haben vielen Europäern die Lust an amerikanischen Aktien genommen. Erst die Rekordfahrt des Dow-Jones-Index in den vergangenen Wochen hat bei vielen das Interesse an der Wall Street erst wieder geweckt.

Doch für den US-Fondsmanager Paul Haber von Fidelity benötigt es keine Indexrekorde, um eine Veranlagung in US-Werten zu rechtfertigen. "Die Hälfte des weltweiten Aktienkapitals befindet sich in den USA, die US-Märkte bieten die größte Breite und Diversität", sagt Haber vor Kurzem in einem Interview mit dem Standard. "Man kann den halben Kuchen nicht einfach ignorieren. Wer kein Geld in den USA investiert hat, geht somit ein ziemlich großes Risiko ein."

Aber auch kurzfristig sieht Haber wenig Grund für die US-Skepsis vieler Anleger. Der Dollar sei durch die zahlreichen Zinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve gut abgesichert, und amerikanische Aktien beim derzeitigen Kurs-Gewinn-Verhältnis nicht zu teuer. "Sie sind zwar nicht superbillig, aber das Gewinnwachstum reicht aus, um die Kurse zu rechtfertigen", betont Haber. Zwar rechne er in mittlerer Zukunft mit Zinssenkungen, aber "die Fed hat den Dollar bisher verteidigt und wird dies weiterhin tun". Zwar könnte der Preisverfall im Immobilienmarkt den Konsum dämpfen, aber "Amerikaner kaufen ein, so lange sie Arbeit haben, und die Beschäftigung ist weiterhin sehr stark".

Marketingoffensive

Haber selbst managt seit Jahren den Fidelity Focus Fund und hat im Sommer den American Growth Fund übernommen, den Fidelity International nach Jahren der Zurückhaltung (der Fonds war etwa übers Internet nicht zu kaufen) nun in Europa offensiv vermarkten will. Es mag überraschen, aber der internationale Arm des US-Fondsriesen hat seinen Kunden in Europa und Asien bisher kaum US-Aktienfonds angeboten.

Haber hat die Strategie beim 750 Mio. Dollar schweren Growth Fund gegenüber seinem Vorgänger Neal Miller so deutlich verändert, dass man von einem neuen Fonds sprechen kann. Millers Portefeuille enthielt rund 200 Nebenwerte; Haber konzentriert sich auf 40 bis 50 Aktien, wobei er Schwergewichte mit Midcaps mischt. Das höhere Risiko wird durch eine Branchenstreuung kompensiert. Haber setzt neben der traditionellen Fundamental-Analyse, die jedes Unternehmen auf seine Qualität prüft, auch auf rein quantitative Kriterien.

Unter seinen derzeitigen Favoriten sind etwa die Aktien des Technologiekonzerns Hewlett-Packard, die Haber für unterbewertet hält. "Kein großes Thema, aber eine gute Gelegenheit", nennt Haber diesen Kauf. Interessant hält er auch Ölraffinerien sowie Hersteller von landwirtschaftlichen Produkten. "Menschen in China und Indien essen immer besser, die USA und Europa produzieren Biosprit, und Australien hatte eine schwache Ernte." (Eric Frey aus Frankfurt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.10.2006)

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