Nebel, Backstein, alles super!

6. November 2006, 17:00
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Melancholie predigen, aber perfekt bauen: Renaissancestädte in der Lombardei

Alpinen Sehgewohnheiten kommt in der lombardischen Poebene der Nebel entgegen. Er macht unübersichtliche Weite zu überschaubarer Welt, milchig weiß und mit pastellfarbener Lichtspielerei sorgt er zumindest in kälteren Jahreszeiten für langsam erwachende Morgenstimmungen. Er hebt den mystischen Charakter der aus Backstein geschlichteten Renaissancebauten hervor, auf die man hier trifft. Und er sorgt für die angemessene Prise Melancholie beim Betrachten jener der Perfektion geweihten Hinterlassenschaften der Fürstenfamilien Gonzaga und Visconti, die ihren Reichtum in Kunstwerke spiegelten, welche zwischen den Flüssen Ticino, Po, Adda und Mincio zu finden sind.

Kommt man von Mailand, liegt knapp vor Pavia, dem westlichen Zentrum der Südlombardei, die Certosa di Pavia, eine Kartause. Zisterzienser sind heute dort beheimatet, sie verkaufen Handgemachtes und bieten Führungen durch die weitläufige Anlage an. Einer von ihnen, ein Mönch namens Barnaba, schwankt zwischen Autorität und Begeisterung. Mit schroffen "Silencio!"-Rufen und superlativgeschwängerten Bekräftigungen - "Das ist fantastisch!", "Hochinteressant!" - präsentiert er Kreuzgänge, Altäre und Inventar des Kloster vom Nussholzkasten über Terrakottafußböden bis zum fein geschnitzten Altar aus - glaubt man Barnaba - Rhinozeroshorn. Dafür, dass er eines der bedeutendsten Baudenkmäler in Norditalien herzeigen kann, ist Gian Galeazzo Visconti und seiner Suche nach Seelenheil zu danken. Der Herzog von Mailand stiftete das Kloster Ende des 14. Jahrhunderts, um Kartäuser für sich beten zu lassen und eine Grabstätte für seine Dynastie zu schaffen.

Die glorreiche Vergangenheit hat viele Gräber hinterlassen. Die geistesgeschichtlich wichtigsten sterblichen Überreste liegen in der Kirche San Pietro in Ciel d'Oro in Pavia. Die Gebeine des spätantiken Kirchenlehrers und Philosophen Augustinus von Hippo, dessen Schriften die gesamte nachchristliche Geistesgeschichte Europas entscheidend mitgeprägt haben, ruhen hier unauffällig zwischen Backsteinen, an der Stelle, an der Denker-Kollege Boëthius hingerichtet wurde - seine Überreste liegen unter dem Altar. Eine Zentrale wichtiger spätantiker Gebeine, von der sich sogar Dante Alighieri veranlasst sah, in seiner "Göttlichen Komödie" zu berichten.

Reis-Renaissance

Der historischen Bedeutungsschwere kann da nur wenig entgegengesetzt werden. Die Tourismusorganisationen werben für Fahrradtouren und Schifffahrten, mit Naturparks und Thermen. Aber das bedeutendste Gegengewicht zu historischer Architektur und Museen, zum immer etwas melancholischen Blick auf vergangene Zeiten, blickt selbst auf Jahrhunderte dauernden Perfektionsprozess zurück: Essen. Die Lombardei ist auch Risotto-Zentrum. Hier ist es am besten, hier wird es am vielfältigsten zubereitet, hier kann man sich am Original laben. Die Geburt der Sache liegt natürlich in der Renaissance. In der Po-ebene wurde zum ersten Mal in Europa Reis angebaut, und das wird er bis heute. Folgt ein Rotwein-Risotto einer Vorspeise mit hervorragender Gänse- Salami, und geht beides geschmortem Rindfleisch mit Polenta voraus, begleitet von einem Bonarda, dem leicht perlenden Rotwein, hat man das Menü der Region.

Mit der euphorisierenden Wirkung solcher Kulinarik kann man sich wieder ungetrübt der Melancholie und Perfektion in lombardischen Städten widmen. Sehr gut geht das in Cremona. Für Giovanni, den sachkundigen Stadtführer, ist Ersteres ein kompliziertes Gefühl, das hier zu spüren sei. Er sieht das kultur- und sozialgeschichtlich gewachsen. Der Besucher, dem der intime Blick auf solche Zusammenhänge fehlt, muss sich bei Melancholie mit Nebel, Renaissance-Backsteinen und der relativen Kargheit vorbarocker Kirchen zufrieden geben. Perfektion hat in Cremona einen Namen und viele Innenstadtwerkstätten. Der Name ist Antonio Stradivari, die Werkstätten bauen Geigen nach dem Vorbild des im 17. Jahrhundert geborenen Meisters. Die Instrumentensammlung im Rathaus hortet "Il Cremonese", eine Stradivari-Geige aus dem Jahr 1715. Trotz des gewaltigen Erbes geht es ruhig zu in Cremona. Giovanni wettert gegen die außerhalb liegenden Einkaufszentren, die die Innenstädte leerfegen. Die werden ihn dort nie sehen. Er führt in den monumentalen Dom, bedenkt ihn wie das Geigenmuseum mit allen erdenklichen Superlativen, die die deutsche Sprache erlaubt, aus dem Italienischen herüberzuretten.

Ein strahlend schöner Nachmittag in Sabbioneta. Kein Nebel. Sabbioneta ist die "ideale Stadt", Stein gewordener Traum des Renaissancefürsten Vespasiano Gonzaga. Eine Reißbrettstadt des 16. Jahrhunderts, das Weltbild eines Mannes wiedergebend. Es sei des Fürsten "einzige Tochter", Spiegel seiner selbst, alles hier geht auf ihn zurück, bläut Führerin Gisela Besuchern ein. Diesmal sind alle Superlative für ihn gedacht. Normalerweise ist diese Stadt von Stille geprägt. Pech, den einzigen Tag mit Jahrmarktstimmung zu erwischen. Gisela bedauert diese Verfremdung. Der Geist des Fürsten sei nur spürbar, wenn die Stadt unbeeinflusst von der Außenwelt bleibe. Der Winter sei eine gute Zeit, um Sabbioneta zu besuchen, sagt sie. Wenn sich der Nebel zwischen die Häuser senkt, spüre man die Seele Gonzagas in seiner perfekten Stadt. Er war wohl auch Melancholiker.

Kulisse ohne Heizung

Heute ist es beruhigend zu erfahren, dass die "ideale Stadt" ein verschlafenes Dorf voll mit Kunstwerken aus nachmittelalterlicher Aufbruchsstimmung ist. Etwa 400, vorwiegend ältere Menschen wohnen noch innerhalb der Stadtmauern. Sie frieren im Winter, weil die ursprüngliche Erhaltung der Altstadt keine Zentralheizungen zulasse. Dafür hat Bernardo Bertolucci die Stadt für seinen Film "Strategie der Spinne" zur Kulisse gemacht, und im unvergleichlichen Teatro Olimpico hat schon Riccardo Muti Konzerte aufgenommen.

Was noch fehlt nach der perfekten Stadt? Mantua, im Osten der Lombardei. Mantua hat schon ein wenig von der touristischen Aura von Kunstmetropolen wie Florenz. Gruppe um Gruppe wird durch das hervorragendste aller vorhandener Kunstdenkmäler geschleust, durch die "Camera degli Sposi", das Zimmer der Brautleute. Und im Palazzo del Té drängen sich Besucher unter den Fresken voll weltlicher Lustbarkeiten, vor den Versinnlichungen antiker Topoi und mannshohen, gemalten Pferden.

Ruhe findet man in der Seelandschaft, die die Stadt umgibt, bei einer sonnigen Bootsfahrt vorbei an den riesigen Seerosenfeldern, die Ufer gesäumt von Dörfern und ihren Kirchen. Bei Nebel muss es hier wirklich schön sein. (Alois Pumhösel/Der Standard/Printausgabe/28./29.10.2006)

  • Perfekte Proportionen in der Kartause von Pavia.
    foto: enit.at

    Perfekte Proportionen in der Kartause von Pavia.

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