Adoptiert - und verstoßen

2. Jänner 2007, 09:38
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Scheitert eine Adoption von anderswo, zahlt vor allem das Kind drauf - wie der Fall eines kleinen äthiopischen Mädchens zeigt

Wien - Für Robert Fucik aus dem Justizministerium ist der Fall ein "Ausreißer". Seit in Österreich jährlich an die 300 Kinder aus anderen Staaten adoptiert werden - also seit 15 Jahren - passiere es "zum zweiten Mal", dass die Wahleltern mit einem Kind, für das sie Verantwortung übernommen haben, nichts mehr zu tun haben wollen.

"Das kleine Mädchen stammt aus Äthiopien. Ihren Papieren zufolge sollte sie die leibliche Halbschwester des äthiopischen Buben sein, den das österreichische Paar bereits vor mehreren Jahren adoptiert hat", schildert Fucik. In Adis Abeba hätten die Eltern - ein Paar um die 60 Jahre - diesen Angaben durchaus Glauben geschenkt. "Doch bald nach der Rückkehr haben die Zweifel angefangen."

Das Mädchen sei älter als in den Unterlagen angegeben, beschwerten sich die Eltern - "statt fünf mindestens sieben oder acht Jahre alt". Auch mit dem Adoptivsohn bestehe in Wahrheit kein ursprüngliches verwandtschaftliches Verhältnis. Außerdem leide das Kind an starkem Heimweh. "Die Eltern erlebten sich als Opfer einer schweren Täuschung. Mit der für sie einzig möglichen Konsequenz, dass sie die Adoption rückgängig machen wollen", erläutert der Beamte.

Neue Beziehung abgebrochen

Für das kleine, eben erst aus Afrika nach Europa gebrachte Mädchen hatte dieser Meinungsumschwung einen neuerlichen Beziehungsabbruch zu Folge: die Übersiedlung in ein Heim. Dort lebt es seither - "und es geht ihr nicht gut" - erzählt Fucik, der seit Monaten nach einer bilateralen rechtlichen Lösung "im Interesse des Kindes" sucht. Doch eine Adoption mit ihren für alle Beteiligten schicksalhaften Konsequenzen ist nur sehr schwer rückgängig zu machen. In diesem Fall müsste sie - zusätzliches Erschwernis - auf Wiener Betreiben hin von den äthiopischen Behörden annulliert werden.

Die Situation erinnert an den Fall des elfjährigen Diljan aus Bulgarien, den ein pensioniertes heimisches Diplomatenpaar kurz nach der Adoption im Jahr 2000 ins Krisenzentrum brachte. Der traumatisierte Bub hatte sich in Wien als aggressionsbereit entpuppt, die Wahleltern waren überlastet. Im Jahr 2002 löste ein bulgarisches Gericht die Adoption auf. Diljan blieb in Österreich - in einem Heim, auf Kosten der öffentlichen Hand.

Gesetz gefordert

"Manche Menschen gehen eben mit einer rosaroten Brille in eine Auslandsadoption. Wehe, wenn die einmal herunterfällt", kommentiert Justizministeriumsbeamter Fucik Fälle wie diese. Während Petra Fembek vom Auslandsadoptionsverein "Family for you" auch gesetzlichen Handlungsbedarf sieht. Ein eigenes Auslandsadoptionsgesetz, wie es in den meisten EU-Staaten existiert, würde "strenge Kriterien, die wir intern bei Adoptionswerbern anlegen, bundesweit verbindlich machen".

Etwa Altersgrenzen nach oben hin: "Ein 60-Jähriger, der ein kleines Kind adoptiert, ist 15 Jahre später, während dessen Pubertät, wahrscheinlich überfordert", betont Fembek. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 23.10.2006)

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    Wie bestellt und nicht abgeholt: Wenn etwas bei der Adoption nicht klappt, zahlen meistens die Kinder drauf

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