Macht der Masse und der Individualität

31. Oktober 2006, 13:27
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RSO Wien mit Cerha im Konzerthaus

Wien – Kann sie sich durchsetzen, oder geht sie im unerbittlich dreinfahrenden Getöse des Kollektivs unter? Jene mit der äußersten Anstrengung aufschreiender Einzeltöne beginnende Linie des Solosaxofons, die sich dem massigen Klang des Orchesterapparats am Beginn von Friedrich Cerhas Konzert für Sopransaxofon (2003/2004) entgegenstemmt – sie mag für jenes große Thema einstehen, das sich jenseits aller Stilwandlungen durch das Werk des Altmeisters unter den österreichischen Komponisten zieht.

Denn das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft steht nicht nur im Zentrum von Cerhas Opern, sondern bestimmt auch seine bahnbrechenden experimentellen Werke der Sechzigerjahre ebenso wie eine jüngst entstandene Werkreihe.

Welche Möglichkeiten klanglicher Interaktion zwischen einem weit vom göttergleichen Glanz des 19. Jahrhunderts entfernten Solisten und der symphonischen Riege bestehen, erkundet das beinahe 40-minütige Konzert in mehrere Richtungen: sei es im hochexpressiven Klagegesang des ersten Satzes ("Prélude"), in einem bedrohlich rollenden, dann ins Stocken geratenden "Perpetuum Mobile" oder in einem "Notturno", das sich aus einem Ein-Ton-Klang zu verzweigten, harmonisch ungemein ausgehörten Linien entspinnt. Erst in einer "Burleske" kippt das Kräftemessen – nicht ohne grüblerische Episoden – ins Komische, um im "Epilog" augenzwinkernd-offen zu verebben.

Auch wenn der Partitur etwas Kaleidoskopartiges anhaftet, besticht sie durch ihre Vielfalt der Charaktere und stellte damit eine dankbare Aufgabe für den wandelbaren, klanglich flexiblen Widmungsträger und Solisten Johannes Ernst dar. Während Michael Gielen hier mit dem blendend disponierten RSO Wien alles verlässlich organisierte, bündelte er seine Kräfte für die folgende Dritte Bruckner, um ein transparentstrukturiertes Klanggebäude zu errichten, das trotz einiger ausgefranster Einsätze jederzeit seine meisterliche Handschrift trug und zuweilen vor Spannung fast barst.

Vom zerklüfteten Kopfsatz bis zum herrlich wienerischen Finale herrschte dabei eine von Zurückhaltung geprägte und wenn, dann mit Bedacht auftrumpfende noble Pracht, zu der vor allem tolle Bläser Entscheidendes beitrugen. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2006)

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