Naturschutz unterliegt Wirtschaft

31. Oktober 2006, 10:55
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Am Pitztaler Gletscher fahren die Bagger auf: Mit Unterstützung von Politik und Behörden wurde ein umstrittener Notweg durchgesetzt - mit Kommentar

Unterhalb des Skigebiets am Pitztaler Gletscher fahren die Bagger auf. Mit Unterstützung von Politik und Behörden wurde ein umstrittener Notweg durchgesetzt.


Innsbruck – Landesumweltanwalt Sigbert Riccabona spricht von "juristischen Tricks zur Umschiffung einer Umweltverträglichkeitsprüfung" und Naturschutzlandesrätin Anna Hosp (VP) widerspricht ihm dabei in der Wortwahl, aber nicht in der Sache selbst.

Sechs Jahre lang haben die Pitztaler Gletscherbahnen kein genehmigungsfähiges Projekt zustande gebracht, welches bei einem Stillstand der Stollenbahn eine Evakuierung von bis zu 5000 Tagesgästen am Gletscher erlaubt. Zuletzt war ein Projekt "Notweg" über den Mittelbergferner und weiter unten durch steiles, felsiges und extrem lawinengefährdetes Gelände noch an der UVP gescheitert.

Vor sechs Wochen brachte dann eine Intervention der Seilbahnbehörde im Verkehrsministerium die entscheidende Wende: Ohne Evakuierungskonzept gebe es für zwei am Gletscher erneuerte Liftanlangen keine Betriebsbewilligung, hieß es aus Wien. Damit geriet das Land unter "Zugzwang", wie Hosp bekennt, denn schlimmstenfalls drohte eine ganze Wintersaison im hinteren Pitztal zu platzen.

Geteilte Sicherheit

Die gemeinsam von Politik, Fachbeamten und Betreibern entwickelte "machbare Variante" war vereinfacht gesagt eine Teilung des Sicherheitsweges in zwei Abschnitte: Zum einen von der Bergstation bis zur Gletscherzunge und dann im Fels hinunter zum Talboden des Mittelbergtals und zur Talstation. Hosps Argument: Der Gletscher verändert sich jedes Jahr, daher sei dort der vom Ratrac zu schaffende Weg den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Für den unteren Teil im Fels, brauche es keine UVP, ein einfaches naturschutzrechtliches Verfahren genüge. Am Donnerstag hat die Umweltabteilung des Landes in zweiter und letzter Instanz die Einwände des Landesumweltanwalts zurückgewiesen. "Sicherheit ist nicht teilbar", hatte Riccabona argumentiert und vergeblich ein ganzheitliches Sicherheitskonzept eingefordert. Als Trostpflaster für Umweltanwalt und Alpenverein hat Hosp die Gletscherbahnen zu Gesprächen mit den Naturschützern gezwungen. Deren Ziel ist eine Änderung der Route des Notwegs, die die wertvollen Gletschermoränen möglichst umgehen soll. (Hannes Schlosser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.10. 2006)

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Zum Kommentar Lex Pitztal
  • Spalten säumen den geplanten Notweg zur Evakuierung des Gletscherskigebiets im Pitztal. Warnungen werten die Gletscherbahnen als Verzögerungstaktik.
    foto: j. essl/oeav

    Spalten säumen den geplanten Notweg zur Evakuierung des Gletscherskigebiets im Pitztal. Warnungen werten die Gletscherbahnen als Verzögerungstaktik.

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