Verunreinigte Biohirse: Von "Bio" keine Rede

29. Oktober 2006, 19:02
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Experte der Biokontrollstelle kritisiert "lückenhaftes" System der Überprüfung - Indes auch Warnung in Kärnten und Entsorgung in Oberösterreich

Wien - Die mit gefährlichen Stechapfelsamen verunreinigte Biohirse des Tiroler Unternehmens "Bioking Perlinger GmbH" ist zwar längst aus den Regalen der Supermarktkette "Hofer" entfernt worden, doch die Auseinandersetzungen hinter den Kulissen werden immer heftiger. Am Freitag hat nun Karl-Peter Pogratz, Leiter der in die "Causa" nicht involvierten Biokontrollstelle "SGS Austria Controll" das Überprüfungs-System als "lückenhaft" kritisiert. Die von Perlinger in den Handel gebrachte Hirse sei überdies gar nicht "bio" gewesen.

Zur Vorgeschichte: Zuladung nicht hinterfragt

Irgendwo zwischen der Ernte der Biohirse durch niederösterreichische Bio-Bauern und der Lieferung an die "Bioking Perlinger GmbH" sei konventionelle Ware unter die Ladung Biohirse gemischt worden. Pongratz: "Das ist nachweislich passiert." Ein Kollege sei nach dem Studium des Berichtes der Lebensmittelversuchsanstalt (LVA) misstrauisch geworden und der Sache nachgegangen. "Die LVA hat komplett versagt. Die Zuladung ist zwar vermerkt, aber nicht hinterfragt worden", so Pongratz.

"Keine Chance der Überprüfung"

"Bioking"-Gründer Engelbert Perlinger, der als Händler die Letztverantwortung zu tragen hat, habe laut Pongratz "keine Chance gehabt, zu überprüfen, ob er Bio-Ware bekommt oder nicht". Selbst jene Mühle in Oberösterreich, die die Hirse für Perlinger geschält und gereinigt hatte, habe diese Kontrollmöglichkeit nicht. "Die mussten sich beide drauf verlassen, dass es Biohirse ist." Ein Getreidehändler aus Ostösterreich wird mittlerweile für einige Branchenkenner als Schuldiger gesehen. Dieser soll einen "Zwischenstopp" eingelegt und konventionelle Hirse zugeladen haben.

Betrug am Konsumenten

"Damit war natürlich die Biohirse entwertet. Das ist im Endeffekt Betrug am Konsumenten", zürnte Pongratz. "Die Kontrollkette muss lückenlos sein, sonst funktioniert das gesamte Bio-System nicht." Unterstützung erhielt Pongratz vom Geschäftsführer der "Österreichischen Agentur für Bio Getreide GmbH", Thomas Rogy: "Was da passiert ist, ist dramatisch. Es muss unbedingt aufgeklärt werden, wo die Schwachstellen im Kontrollsystem sind. Das ist enorm wichtig für die gesamte Bio-Szene und für die Verbraucher."

Stechapfel-Samen in Kärnten angelangt

Indes ist auch in Kärnten mit Stechapfel-Samen verunreinigte Biohirse aufgetaucht. Wie Gesundheitslandesrat Wolfgang Schantl am Freitag bekannt gab, handelt es sich dabei um Hirse, die von einem Biobauern aus Unterkärnten verkauft worden ist. Der Landwirt hatte das Produkt von einer oberösterreichischen Firma bezogen.

Die Biohirse sei vom Biohof Johannes Tomic aus Buchbrunn bei Eberndorf (Bezirk Völkermarkt) verkauft worden, so Schantl. Tomic habe die Hirse von der Firma Nestelberger bezogen und an verschiedene Lebensmittelhändler, aber auch ab Hof an Konsumenten verkauft. Am Donnerstag wurde der Betrieb von den Lebensmittelkontrolloren überprüft, dabei wurden in den zu 300 Gramm abgepackten Biohirsesäckchen Stechapfelsamen gefunden.

Schantl: "Alle Wiederverkäufer wurden bereits telefonisch verständigt." Konsumenten, die dieses Produkt gekauft haben, werden dringend vor dem Verzehr gewarnt. Betroffen sind die drei Chargen mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum 28.02.07, 31.03.07, 31.05.07.

Überprüfung und Entsorgung in Oberösterreich

Auch der für Konsumentenschutz zuständige oberösterreichische Landesrat Rudi Anschober (G) ließ in einer Aussendung wissen, dass Oberösterreichs Behörden aktiv geworden wären und den Lieferbetrieb umgehend überprüft hätten.

Demnach seien die Lieferungen aus der betroffenen Charge an rund 30 Abnehmer ergangen, welche allesamt - von der Lebensmittelaufsicht überwacht - seitens des Unternehmens von einer möglichen Verunreinigung der Hirse mit Stechapfelsamen informiert worden seien. Die Waren würden allesamt rückgeholt und im Anschluss - gemeinsam mit den noch lagernden Teilen dieser Charge - unter Beaufsichtigung der Lebensmittelaufsichtsorgane entsorgt. Anschober riet allen Konsumenten, die in letzter Zeit Biohirse gekauft haben, als Vorsichtsmaßnahme vom Verzehr "dringlich" ab. (APA)

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    Wo Bio drauf steht, ist manchmal eben doch nicht Bio drinnen: Es liegt an den Schwächen im Kontrollsystem.

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