Aus dem Korallengarten

18. Oktober 2006, 11:19
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Wiener Unternehmen will Therapeutika aus der Meertierwelt gewinnen

Wenig Bedeutung wurde bisher der Tierwelt unterhalb des Meeresspiegels zugemessen. Diesen Umstand will das im Frühjahr in Wien gegründete Biotech-Unternehmen Marinomed durch die Erforschung von kultivierbaren Organismen - vor allem Korallen - ändern, um Wirkstoffe für neue Therapiemöglichkeiten herzustellen. Bisher konnten vier Patente aus den Aqua-Kulturen "gefischt" werden.

"Rund ein Prozent aller Pflanzen erzeugt pharmazeutisch interessante Substanzen, bei Meeresorganismen sind es rund fünfmal so viel. Dennoch würde eine Liste von Medikamenten, die aus dem maritimen Bereich stammen, wohl sehr kurz ausfallen", erklärte Marinomed-Chef Andreas Grassauer.

Gründe dafür seien Vorbehalte, dass Wirkstoffe aus dem Meer "nicht ausreichend vorhanden", "nicht reproduzierbar" beziehungsweise "so komplex sind, dass die Kosten für eine industrielle Herstellung zu hoch wären". Grundsätzlich sei das Meer eine reichhaltigere Ressource als die Pflanzenwelt, die aber schon seit Jahrhunderten erforscht werde. "Das Meer hat sich noch nicht als gut gefüllter Medizinschrank etabliert.

Diesen Umstand auf ökologisch verträgliche Weise zu ändern ist unser Ansatz", so Grassauer. Dazu wurden an der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VUW) Aqua-Kulturen angelegt und mit rund 250 verschiedenen Arten - hauptsächlich Korallen, die aus dem Handel bezogen werden - befüllt.

Back-up

Die marine Biotechnologie habe bisher einen anderen Ansatz verfolgt. "Auf das Meer fahren, alles einsammeln und nach einem Wirkstoff suchen: Der wurde nach einem etwaigen Erfolg allerdings anschließend nie wieder gefunden", beschreibt der Biotechnologe die Nachteile dieser Vorgangsweise. "Reproduzierbare Biomasse ist extrem wichtig. Deshalb vermehren wir die Korallen vor der Untersuchung, um ein Back-up zu haben. Wenn ich einen Wirkstoff finde, muss ich in der Lage sein, ihn immer wieder herzustellen", so Grassauer.

Wirkstoffe, die nur direkt am Riff gewinnbar seien, hätten für Pharmafirmen keine Bedeutung. Der Lebensraum der Korallen würde in den Aquarien möglichst klein gehalten, um einen "extremen Kampf um Siedlungsraum auszulösen". Möglichst viele Arten auf möglichst kleinem Raum: Der ökologische Faktor Konkurrenz erhöht die Produktion von Wirkstoffen.

Finanziert wird das Unternehmen durch Förderungen in Höhe von 50.000 Euro vom universitären Gründerservices INiTS und 500.000 Euro von der Förderbank austria wirtschaftsservice (aws). Die VetWIDI Forschungsholding, eine Tochter der VUW, hält 12,5 Prozent. (APA, red//DER STANDARD, Printausgabe, 18. Oktober 2006)

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