"Es ist kein Wollen, sondern ein Müssen"

19. Oktober 2006, 19:25
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Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die sich selbst als "Triebtäterin" des Schreibens bezeichnet, wird 60 - Ein Schwerpunkt mit Porträt, Ansichtssache und Veranstaltungen

Geliebt und verhasst. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Denn frau/man kann der Jelinek nicht einfach neutral gegenüber stehen. Elfriede Jelinek regt auf. Sowohl ihre literarischen Texte als auch ihre politischen Statements. Und so manche/m wird auch ihre großartige exzentrische Aufmachung nicht kalt lassen. Aufregend in jede Richtung also, anregend und erregend, im Positiven wie im Negativen gleichermaßen. Denn die Wahrheit (auszusprechen und nieder zu schreiben) ist zwar, um es mit Ingeborg Bachmann zu sagen, jeder/jedem zumutbar, jedoch nicht allen bekömmlich.

Speziell die politische Rechte fühlt sich von der Autorin - auch außerhalb des literarischen Kontexts - auf den Schlips getreten, und spart nicht mit heftigsten Angriffen gegen sie. Erinnert sei beispielsweise an die Plakataktion der FPÖ im Jahr 1995 mit dem Slogan "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk... oder Kunst und Kultur?". So enorm die Abwehr der Konservativen und Rechten hierzulande, umso größer dafür die weltweite Anerkennung des künstlerischen Schaffens von Elfriede Jelinek, die sich in einer langen Liste von internationalen Auszeichnungen und dem Nobelpreis für Literatur, den sie 2004 als erste österreichische AutorIn erhielt, widerspiegelt. "Ich kriege die vernichtenden Kritiken und dann die großen Literaturpreise. Wie das sein kann, hat mir noch niemand erklären können", gab sie sich selbst erstaunt über diese Widersprüchlichkeit.

Dass Elfriede Jelinek einfach schreiben muss - "Es ist kein Wollen, sondern ein Müssen", sagte sie in einem Interview anlässlich ihres 60. Geburtstags - wird an ihrem riesigen Werk, das alle literarischen Gattungen einschließt, sichtbar. Alleine das von Pia Janke publizierte Werkverzeichnis umfasst 660 Seiten, ein Materialienband zum Nobelpreis 390 Seiten. "Ich bin eine Triebtäterin. Es gibt sicher planerische Autoren, die etwas recherchieren und dann schreiben. Bei mir ist es so, dass ich gar nicht so viel planen darf, damit die Sprache dann mich übernimmt, statt dass ich sie beherrsche. Das ist auch das Spannende am Schreiben".

Jelineks Verhältnis zur Öffentlichkeit erweist sich - möglicherweise aufgrund ihrer nicht gerade positiven Erfahrungen damit - als ebenso ambivalent wie die Repliken auf ihre Bücher, Theaterstücke und Hörspiele. Bescheiden und beinahe scheu ging sie immer wieder auf Rückzug, den Druck der Medien beklagend. Den Rummel um die Zuerkennung des Literaturnobelpreises vor zwei Jahren verweigerte sie, indem sie der persönlichen Verleihung fern blieb und ihre Rede mit dem Titel "Im Abseits" auf Video aufzeichnen ließ. Gleichzeitig konnte sie es in der Vergangenheit nicht lassen, zur politischen Entwicklung, insbesondere seit der Wende 2000, öffentlich Stellung zu beziehen und bei Aktionen wie beispielweise jener des Containers von Christoph Schlingensief mitzuwirken. An ihrem 60er hat sie vor, mit dem Rückzug Ernst zu machen und die vielen Veranstaltungen ohne die Anwesenheit ihrer Person über die Bühne gehen zu lassen. (Dagmar Buchta)

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    Elfriede Jelinek im Oktober 2004.
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