Pentagon weist Berichte über 650.000 Tote zurück

19. Oktober 2006, 18:44
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"Keinesfalls mehr als 50.000 Todesopfer" - Anschlag auf Fernsehsender in Bagdad

Baltimore/Washington - Das US-Verteidigungsministerium hat Berichte zurückgewiesen, wonach im Irak rund 650.000 Menschen an den Folgen des Krieges gestorben sein sollen. Es seien keinesfalls mehr als 50.000 Tote, sagte der Kommandant der multinationalen Streitkräfte im Irak, General George Casey, am Mittwoch (Ortszeit) in Washington. US-Präsident George W. Bush hatte im Dezember vergangenen Jahres die Zahl der getöteten Iraker noch mit 30.000 angegeben.

In einer regierungsunabhängigen Studie amerikanischer und irakischer Ärzte, die vom britischen Medizin-Journal "The Lancet" online veröffentlicht wurde, heißt es dagegen, dass 650.000 Menschen an den Folgen des seit März 2003 andauernden Krieges gestorben sind (derStandard.at berichtete).

Schwierige Sicherheitslage

Die Sicherheitslage im Irak wird nach den Worten von General Casey auch in den kommenden Monaten schwierig bleiben. Der Konflikt habe sich von einem Aufstand gegen die US-Truppen in einen Kampf um politische und wirtschaftliche Macht unter den Irakern verwandelt. Die größte Gefahr seien derzeit schiitische Extremisten, Todesschwadrone und Milizen.

Nach Angaben von Casey konzentrieren sich 90 Prozent aller gewaltsamen Zwischenfälle auf fünf der 18 Provinzen. Man könne deshalb nicht davon sprechen, dass der Irak in religiös motivierter Gewalt oder im Bürgerkrieg versinke.

Blair weist Zahl von über 650.000 Toten im Irak zurück

Auch die britische Regierung hat die Ergebnisse einer Studie zurückgewiesen, nach der seit Beginn der US-Invasion im Irak 655.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Die in der Studie genannte Zahl sei wesentlich höher als sämtliche anderen Statistiken, sagte der Sprecher von Premierminister Tony Blair am Donnerstag.

Die Regierung gehe nicht davon aus, dass die Zahl auch nur annähernd der Realität entspreche. "Und damit wollen wir nicht die Ernstheit der Sicherheitslage im Irak herunterspielen", sagte der Sprecher. Am Mittwoch veröffentlichten Erkenntnissen von US-amerikanischen und irakischen Gesundheitsexperten zufolge wurden beim US-geführten Einmarsch 2003 und der folgenden Gewalteskalation zweieinhalb Prozent der irakischen Bevölkerung ausgelöscht.

Die Todesrate habe sich seit Kriegsbeginn mehr als verdoppelt, hieß es in der Studie weiter, die die medizinische Fachzeitschrift "The Lancet" im Internet veröffentlichte. Die bei direkten Befragungen erhobenen Daten ergaben eine deutlich höhere Todesrate als als die offizielle irakische Totenstatistik. Die Zahlen beruhen auf einer Befragung rund 13.000 zufällig ausgewählter Personen im ganzen Irak zwischen Mai und Juni. Auch die irakische Regierung wies die Statistik zurück. Sie geht in dem Zeitraum von 40.000 Toten aus.

Mindestens 23 Tote bei Anschlägen und Attentaten

Bei Anschlägen und Attentaten im Irak sind unterdessen mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen. Extremisten attackierten am Donnerstag das Büro des irakischen Fernsehsenders Al-Shabiya im Osten von Bagdad und erschossen mindestens acht Menschen. Ein Polizeisprecher sagte, bei den Opfern handele es sich um Wachleute und Mitarbeiter des Senders. Der Sender hatte den Betrieb vor drei Monaten aufgenommen.

Der Nachrichtensender Al-Arabiya berichtete unterdessen, der Mörder der irakischen Journalistin Atwar Bahyat sei zum Tode verurteilt worden. Die Al-Arabiya-Reporterin war im Februar getötet worden. Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) in New York hatte zuvor zur Freilassung der irakischen Journalistin Kalshan al-Bayati von der arabischen Zeitung "Al-Hayat" gemahnt, die seit dem 18. September ohne Anklage in einem Gefängnis in der nordirakischen Stadt Tikrit festgehalten wird.

In Bagdad kamen am Donnerstag nach Angaben von Al Arabiya fünf Iraker ums Leben, als eine Autobombe und ein Sprengsatz auf einem Platz explodierten. Unter den 25 Verletzten seien mehrere Polizisten. Bei einer Attacke auf eine Polizeipatrouille im Norden der irakischen Hauptstadt starben drei Menschen. 15 Polizisten und Zivilisten wurden verletzt. (APA/dpa/Reuters)

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