Fragen der Einstellung

28. November 2006, 01:20
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„Ein Film über das Überleben im Alltag“: Michael Glawogger über „Megacities“

Die Welt ist ein schrecklicher und doch lebenswerter Ort, das will ich zeigen. Ich glaube, viel von unserem Verhältnis zum "Rest der Welt" ist von Angst geprägt; wir kennen diesen Rest aus vorwiegend schlechten Nachrichten oder – durch eine äußerst bedenkliche Tourismusentwicklung – vom neokolonialistischen Standpunkt der Ressorthotel- Urlauber aus. Aber hinter diesen schlechten Nachrichten und exotischfreundlichen Hotelkellnern stecken Menschen mit sehr ähnlichen Kämpfen und Träumen wie wir selbst. (Michael Glawogger im Presseheft)

 

Was ist die Botschaft Ihres Films? Glawogger:Man könnte sagen, es ist ein Film über das Überleben im Alltag. Aber ich möchte nicht, dass man "Überleben" hier als Frage von Leben und Tod versteht. Es ist viel mehr – wie der New Yorker Radiomoderator im Film gegen Ende seiner Show fragt – eine Frage von „Wie machen wir es so Tag für Tag?“ Für Menschen, die dicht gedrängt in den Megacities leben, ist diese Frage oft sehr einfach: „Wie schaffen wir es durch den Tag?“

Ich glaube nicht an Botschaften im Film. Ich möchte eine deutliche Linie zwischen mir und der Art von Filmemachern zeichnen, die mit einer Botschaft hinaus in die Welt gehen und versuchen, Beweise dafür zu finden. Ich mache es genau umgekehrt. Ich sehe darauf, was da draußen ist und füge es zusammen. Eine Bedeutung, oder eine Botschaft lässt sich in jeder Kameraeinstellung finden, oder in den Verbindungen zwischen den Einstellungen – aber ich würde sie nicht in einem Satz abgeben wollen.

Was haben Sie also in den vier Städten, die Sie besucht haben, entdeckt? Glawogger: Ich habe Menschen entdeckt, und ich hatte Begegnungen mit ihnen, die ich in diesem Film reproduziert habe. Ich glaube an dieses Wesen eines Dokumentarfilms: solcherart Begegnungen zu reproduzieren. Sie treten Menschen gegenüber und die Leute treten Ihnen gegenüber – und daraus entsteht etwas, aus diesem Austausch. Die Begegnungen zu Beginn des Films, in Indien und Mexiko, wirken nicht oder kaum inszeniert, während später ein Wechsel dahingehend stattfindet, dass die Menschen sich selbst zu spielen scheinen ...

Glawogger: Ich lasse alle über ihre eigenen Leben sprechen. Für mich ist das wichtig – ich halte nicht viel davon, über Personen zu erzählen und sie nicht für sich selbst sprechen zu lassen. In einigen Fällen ist das dann die Frage, inszeniere ich eine Szene, oder kann ich eben nicht alles zeigen? Man kann keinen Strichjungen bei der Arbeit filmen.

Seine Kunden würden die Kamera sehen und einfach verschwinden. So einfach ist das. Ich versuche nicht, einen Stil zu bekämpfen, oder eine bestimmte Art nicht inszenierten Dokumentarfilmens. Im Gegenteil. Ich habe mir nur selbst die Freiheit erlaubt, Dinge darzustellen, die ich darstellen will und nach den angemessenen filmischen Mitteln zu suchen, um das machen zu können. (Glawogger im Interview mit Marcy Goldberg in DOX)

ZUR PERSON: Michael Glawogger, geboren 1959 in Graz, studierte am San Francisco Art Institute und an der Filmakademie Wien, arbeitete mit Ulrich Seidl zusammen. Neben "Megacities", für den er den Wiener Filmpreis erhielt, erzielte er mit „Workingman’s Death“ internationale Erfolge. Weitere Filme: „Die Ameisenstraße“ (1995), „Kino im Kopf“ (1996), „Frankreich, wir kommen!“ (1999), „Nacktschnecken“ (2003).

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