Islamforscher Bassam Tibi will Deutschland verlassen

17. Oktober 2006, 15:24
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Gebürtiger Syrer fühlt sich auch nach Jahrzehnten nicht zu Hause - Kritik an Haltung der Deutschen

Berlin - Der Göttinger Islamforscher Bassam Tibi will in die Vereinigten Staaten auswandern, weil er sich nach eigener Aussage auch nach Jahrzehnten in Deutschland nicht zu Hause fühlt. "Auf Dauer fühle ich mich fremd in diesem Land und werde entsprechend behandelt", schrieb der gebürtige Syrer in einem vorab veröffentlichten Gastbeitrag des "Tagesspiegel" (Samstagausgabe). "Ich wandere aus, weil ich dieses Fremdsein nach 44 Jahren nicht mehr ertrage." Tibi will an die amerikanische Cornell-Universität wechseln.

Mit seinem Gefühl stehe er nicht allein, erklärte der 62-Jährige: "Die Mehrheit der hier lebenden 'Ausländer' ist als fremd einzuordnen; selbst ethnisch Deutsche aus Zentralasien, die auf der Basis ihres angeblich deutschen Blutes hineingelassen wurden, entdecken hier ihr Russischsein und fühlen sich genauso wie ich", schrieb er. "Warum? Weil uns dieses Land keine Identität gibt."

Wenn die Deutschen nach Auschwitz keine Identität hätten, wie könnten sie dann Fremden eine geben, fragte der Wissenschaftler. Er glaube, Deutschland mehr zu lieben, als viele Deutsche es je getan hätten. "Aber ich habe es satt, ein 'Syrer mit deutschem Pass' zu sein, der seinem miesepetrigen Gastvolk dafür danken soll, dass ihm die Erfüllung des 'deutschen Bürgertraums' gewährt wurde." Es sei das Zugehörigkeitsgefühl, das den Fremden und vielen deutschen Weltbürgern in diesem Land fehle.

"Wenn nach 40 Jahren des Schaffens an einem modernen Islam, an Konzepten der Integration und an einem zivilgesellschaftlichen Konsens meine Bücher als 'semi-wissenschaftlich' tituliert werden, wenn der Bundestagspräsident die Leitkulturdebatte - ohne meinen Namen als Schöpfer des Begriffs zu nennen - neu beleben will, die Kanzlerin mich von ihrem Integrationsgipfel ausschließt und der Innenminister einen verhunzten deutschen Islam dem europäischen Islam vorzieht, dann frage ich mich, was ich hier noch soll."

Dennoch wolle er Deutschland nicht ohne ein Liebesbekenntnis verlassen, erklärte Tibi. Das Land bedeute ihm trotz aller Kränkungen außerordentlich viel. Es sei jedoch eine Liebe, die ein "kulturpsychologisch beschädigtes, also liebesunfähiges" Volk nicht erwidern könne. Vor 1933 seien die Deutschen das Volk der Dichter und Denker gewesen. "Das sehe ich heute nicht mehr." (APA/AP)

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