Detaillierte Angaben über Enteignungen erstmals zugänglich

30. Juni 2000, 09:19

STANDARD-Autor Hubertus Czernin enthüllt: Etwa hunderttausend hochbrisante Akten über die Entziehung jüdischer Vermögen in der NS-Zeit lagerten jahrzehntelang im Archiv der Wiener Finanzlandesdirektion.

Wien - Jahrzehntelang lagen im Archiv der Finanzlandesdirektion für Wien, Niederösterreich und Burgenland Akten der berüchtigten Zentralstelle für jüdische Auswanderung und der Abteilung für Vermögensentziehung - einschließlich der Transportenlisten mit den Namen jener jüdischer Bürger, die aus Wien in die Konzentrations- und Vernichtungslager Hitler-Deutschlands deportiert worden sind. Nach ersten Schätzungen dürften es weit mehr als 100.000 Akten sein, die in der Finanzlandesdirektion in der Wiener Wollzeile lagerten und zum Teil noch lagern - ohne Kenntnis der Angehörigen der Deportierten und Entgeigneten, aber auch der Opfer-Vertreter und Historiker.

Etwa 85.000 Akten wurden zu Beginn dieses Jahres ins Archiv der Republik überstellt und werden seit damals von den zuständigen Archivaren aufgearbeitet und geordnet. Die Akten dokumentierten nicht nur die Deportationen der Juden aus Österreich (und damit den Anfang der physischen Vernichtung), sondern auch die letzte Etappe der Enteignungen unter Mitwirkung der Banken. Außerdem belegen sie, dass die österreichischen Behörden bereits in den ersten Nachkriegsjahren über Umfang und Inhalt der Enteignungen und der Entrechtung, einschließlich der einzelnen Abtransporte in Ghettos und KZs umfassend informiert waren. Die erste Reaktion des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Ariel Muzicant: "Das ist eine derartige Ungeheuerlichkeit, die allein Klagen in dreistelliger Milliarden-Höhe auslösen müßte."

Der STANDARD beginnt in der Ausgabe vom Freitag eine Serie über erste Erkenntnisse aus den Akten der Finanzlandesdirektion, die mehr als ein halbes Jahrhundert geheim gehalten worden waren.

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