Kleine Siege

13. Oktober 2006, 20:35
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„Die Siebtelbauern“ – ein Klassenkampf

Ein Bauer ist ein Bauer, das ist schon so. Es ist ja auch eine Frau kein Mann und kein Esel ein Pferd. Wer gegen den Willen vom Herrgott lebt, der wird ein Unglück haben.“ Die Tragödie nimmt ihren Lauf allerdings nicht deshalb, weil der Herrgott es so will, sondern weil sich bei ihren unglückseligen Taten die auf ihn berufen, die sich in seinen Diensten wähnen.

 

Doch die Frage, ob der Herrgott will, dass es so bleibt, wie es ist und immer war, stellt sich in Stefan Ruzowitzkys Die Siebtelbauern gar nicht. Der Bauer, der tot gefunden wird, hat seinen Bediensteten aus reiner Schadenfreude den Hof vermacht, „auf dass sie sich gegenseitig den Kopf einschlagen.“

Sieben werden gegen den Widerstand von Großbauern das Erbe antreten. Sie werden eine schmerzliche Niederlage erfahren und am Ende doch den Sieg davontragen.

Nicht für sich selbst, nicht alle werden das heraufziehende Unglück überleben, aber sie siegen für alle, die zugesehen und zugehört haben. Die Siebtelbauern ist einer der international erfolgreichsten österreichischen Spielfilme der späten 90er- Jahre, weil es ihm gelingt, eine einfache Moritat in eine allgemein gültige und verständliche Form zu überführen. Ruzowitzky erzählt vom Kampf der Unterprivilegierten gegen die herrschende Klasse, von einer auf wackeligen Beinen stehenden kleinen Demokratie und vom hohen Preis der Freiheit selbst.

Der Kampf um einen Hof im Mühlviertel der 1930er-Jahre ist natürlich ein Stellvertreterkrieg. Für die alteingesessenen Bauern geht es um die Gefahr eines neuen politischen und wirtschaftlichen Systems. Dass Ruzowitzky dieses als autonom funktionierendes zeichnet, in dem jeder die gleichen Rechte besitzt und das noch dazu die besseren Erträge einbringt, ist natürlich eine Überzeichnung im besten Sinne.

Der Erfolg des Films rührt aber auch daher, dass er seine Botschaft in buchstäblich anschauliche Bilder packt: Bäuerlichen Stillleben von Schuhen oder Suppentellern stehen Tanzeinlagen zu Verdis „La donna é mobile“ gegenüber, und sogar die Arbeit erscheint in einem schönen Licht.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern des Neuen Heimatfilms sucht Die Siebtelbauern nicht die Authentizität durch Sprache oder Laiendarsteller (ist im Gegenteil mit Sophie Rois, Simon Schwarz und Lars Rudolph hochrangig besetzt), sondern die Wirkung, stellt gerne das einzelne Bild über das Ganze. Daraus entsteht sein zerrissener Charakter: Seine Erzählung ist ernsthaft, bitterschwer, während der Verzicht auf genaue historische Rekonstruktion die dazugehörigen Bilder immer etwas künstlich erscheinen lässt.

Der nächste Fluchtort heißt Amerika, doch nur zwei machen sich auf. Der Blick ist rückwärts gewandt auf die kleine Menge, die sich zum Abschied versammelt hat. Das hat Ruzowitzky gut erkannt: In Österreich verlässt man immer die Menschen und nie das Land.

Michael Pekler, Filmpublizist („Falter“), Katalogredakteur der Viennale, Redakteur („Ray Kinomagazin“, „kolik.film“)

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