Entführer hatte keinen Brief für den Papst

10. Oktober 2006, 11:56
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Angeblicher Appell des Türken an den Heiligen Vater tauchte nur im Internet auf

Rom - Keine Waffen, kein Komplize, kein Brief für den Papst: Rätselraten über das Motiv des türkischen Luftpiraten H. Ekinci, der sich am Dienstagabend nach dem glimpflichen Ende der Entführung einer Boeing der Turkish Airlines den italienischen Sicherheitskräften ergeben hat.

Der italienische Innenminister Giuliano Amato bestätigte Medienberichte, nach denen Ekinci am 30. August in einem Blog im Internet einen Brief an den Heiligen Vater veröffentlicht hat, in dem er sich als diskriminiert bezeichnete, weil er zum Christentum übergetreten war. Er befürchtete, dass ihn Albanien, das Land, in dem er Zuflucht gefunden hatte, wieder in die Türkei abschieben würde, wo ihm ein Prozess wegen Desertion droht.

Nach der Notfalls-Zwischenlandung in Italien hat der Mann unter anderem verlangt, eine Botschaft an Benedikt XVI. überbringen zu dürfen. Deshalb wurde zunächst spekuliert, dass der Entführer gegen die jüngsten Islam-Äußerungen des Papstes und einen im November geplanten Türkei-Besuch Benedikts XVI. protestieren wollte.

Papst reist in die Türkei

Der Vatikan bestätigte unterdessen, dass die Türkei-Reise des Papstes nicht abgesagt wird. Papst Benedikt XVI. habe die Medienberichte über die Flugzeugentführung am Dienstabend genau verfolgt.

Amato bestätigte Medienberichte, nach denen Ekinci am 30. August in einem Internetblog eine Botschaft an den Heiligen Vater veröffentlicht hatte, in dem er sich als diskriminiert bezeichnete, weil er zum Christentum übergetreten war. Er befürchtete, dass ihn Albanien, das Land, in dem er Zuflucht gefunden hatte, wieder in die Türkei abschieben würde: Dort drohte ihm ein Prozess wegen Wehrdienstverweigerung. Der 28-jährige Ekinci ist laut türkischen Angaben an einem freien Tag im Mai nicht in seine Kaserne zurückgekehrt und nach Albanien geflohen.

Zehn Jahre Haft drohen

Der türkische Verband der Kriegsdienstverweigerer distanzierte sich von Ekinci und erklärte, der 28-jährige habe "widersprüchliche, labil wirkende und sonderbare" Botschaften an die Vereinigung gerichtet. Nach Berichten türkischer Zeitungen vom Mittwoch hatte der junge Mann sechs Selbstmordversuche unternommen, während er wegen Desertion von dem in der Türkei obligatorischen Wehrdienst im Gefängnis saß. Die Zeitungen spekulierten, wenn Italien den Luftpiraten als Christen anerkenne, werde eine Auslieferung des Täters an die Türkei schwierig. In der Türkei drohen Ekinci demnach bis zu zehn Jahre Haft.

Strenger Muslim

H. Ekinci sei als frommer Muslim bekannt, zitierte die türkische Zeitung "Sabah" am Mittwoch die Schwester. Sie kenne ihren Bruder als jemanden, der immer einen Koran in der Hand gehabt habe und zum Gebet in die Moschee gegangen sei, sagte die Schwester der Zeitung. Dass ihr Bruder nun ein Flugzeug entführt habe und den Islam ablehne, habe sie geschockt.

Sicherheitsmängel

Dagegen wurde in der türkischen Presse auch Kritik an möglichen Sicherheitsmängeln an Bord der entführten Maschine laut. Der türkische Pilot wies diese Vorwürfe zurück: Die Tür zum Cockpit sei wie vorgeschrieben abgeschlossen gewesen, sagte Kapitän Mürsel Gökalp in Istanbul. Als die Boeing nach dem Start in Tirana ihre Reisehöhe erreichte, habe die Crew den Piloten Tee und Kaffee bringen wollen und deshalb kurz die Tür geöffnet. Der Entführer H. Ekinci habe diesen Moment abgewartet und sich so Zugang zum Cockpit verschafft.

Entführung

Der Luftpirat hatte das in der albanischen Hauptstadt Tirana gestartete Flugzeug am Dienstag im griechischen Luftraum entführt. Vier griechische Jagdflugzeuge geleiteten die Maschine zunächst zur albanischen Grenze, wo sie von zwei italienischen Jagdflugzeugen in Empfang genommen wurde und zur Landung in der südostitalienischen Stadt Brindisi gezwungen wurde. . (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Entführer des türkischen Flugzeugs bei seiner Festnahme in Italien

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