Die Leiden des Publikums

4. Oktober 2006, 13:56
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Ein farbenfroher Streifen voller unerwarteter Zwischenfälle - Tommi Trabitsch

Ein lebloser junger Mann, die Romanfigur Werther, personifiziert durch eine männliche Barbiepuppe, aus deren Kopf rotes Plastilin fließt, liegt am Boden seines Arbeitszimmers. Dieser Anfang des Kurzfilms ist bezeichnend für den Rest des Stop-Motion-Movies "Die Leiden des Action Werther". Man fühlt konstant suizidales Verlangen nach einem schnellen Tod. Die Vorraussetzung für irgendeine Form von Belustigung, deren Auslöser ich beim besten Willen nicht erkennen kann, ist die Kenntnis von Goethes Originaltext, aus dem hier einige Textstellen verfilmt wurden. Die Macher des deutschsprachigen Films verstehen es außerordentlich gut, ebendiesen Text auf geschmacklose Weise miss zu verstehen.

Zwar hat es Goethes Buch, das einen Briefwechsel zwischen Werther und dessen bestem Freund dokumentiert, verdient, satirisch, oder auch mit zeitgenössischen Einflüssen bearbeitet zu werden – doch verliert es in diesem Fall noch den letzten Rest von ohnehin begrenzter romantischer Schönheit. Diese entsteht durch genügend vergangene Zeit nach Fertigstellung des Werkes im 18. Jahrhundert und entschuldigt teilweise vorhandene Mängel oder veraltete Passagen. Dieser Bonus entfällt bei der Modifizierung durch den Kurzfilm, da er 2006 gedreht wurde.

Doch wieder irgendwie sehenswert ist die Szene, die den Zwiespalt darstellt, den Lotte, das weibliche, allerdings verheiratete Pendant zu Ken (Werther) durchlebt, als sie sich fragt, ob sie es verantworten kann, ihrem guten Freund die verlangten Schusswaffen zu übergeben. Um dies zu verdeutlichen, erscheinen an dieser Stelle der klischeehafte Teufel und Engel auf ihren Schultern.

Der außergewöhnlich bedenkliche Höhepunkt des Films findet sich dann, als Lottes Tochter dem gerade einen Abschiedsbrief schreibenden, in ihre Mutter unglücklich verliebten Werther tatsächlich die Pistolen bringt. Werther erschießt nämlich das Kind kurzerhand, was Anhängern des besonders schwarzen Humors gefallen könnte. Ob Bernt und Birgit Popp den Leiden des Publikums hier ein Ende setzen, sei offen gelassen.

Zusammenfassend muss betont werden, dass bei Rücksichtnahme auf die mangelnde Erfahrung, die Ausstattung, und das wahrscheinlich geringe Budget der Amateurfilmer, es sich durchaus lohnt diesen farbenfrohen Streifen voller unerwarteter Zwischenfälle zu sehen. Wenn er wirklich nicht gefällt, kann immer noch die Toilette aufgesucht werden, die Spiellänge beträgt nur sechs Minuten.

  • "Die Leiden des Action Werther".
    ausdrucksvolle bilder

    "Die Leiden des Action Werther".

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