"Alles im grünen Bereich"

2. Oktober 2006, 20:12
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Lokalaugenschein in den Bezirken 6, 7 und 8, den grünen Hochburgen Wiens

Gemütliches Treiben herrscht am Tag nach der Wahl im Wiener Bezirk Neubau. In dem traditionell grünen Bezirk nördlich der Mariahilfer Straße, mit dem Museumsquartier als Grenze zur Innenstadt, konnten die Grünen ihr Ergebnis noch einmal auf 35,2 Prozent steigern und wurden damit wieder, diesmal mit Abstand, stärkste Partei.

Dort und in den angrenzenden Bezirken Mariahilf und Neubau haben die Grünen prozentuell die meisten Stimmen, auch wenn sie ihre zwei Grundmandate in den bevölkerrungsreichen Wahlkreisen Nord-West und Süd-West erlangten. In einem jener betont schlicht eingerichteten Cafés in der Siebensterngasse trinkt der Komponist Wolfgang Suppan seinen Morgenkaffee, am Tisch die obligaten Accessoires: Zigaretten und Zeitung. Er hat Grün gewählt - "wenn auch mit Bauchweh, da ich gefürchtet habe, dass meine Stimme bei der ÖVP landet."

"Insel"

Den 7. Bezirk schätzt er als "Insel", auf der sich noch "sympathische und skurrile Geschäfte mit Charme" halten können, wie Elektrogeschäfte oder Eisenwarenhandlungen, in denen man alles bekommt, was es in den großen Ketten nicht gibt. Die alt eingesessenen Läden machen aber zunehmend schicken Friseuren, Galerien und minimalistischen Designerläden Platz, die sich neben Biomärkte, Second Hand-Läden und schmuddelige Trödler reihen.

"Die ,Bobo'-isierung schreitet voran," konstatiert auch Suppan in Hinblick auf die "bohème bourgois" (bobo), die in den Bezirken westlich der Innenstadt ihr Biotop hat. Junge, gut verdienende Individualisten, die sich die steigenden Mieten leisten können - und bevorzugt Grün wählen. "Die Kinder der Hofräte können eben nichts mehr mit einem Philharmoniker-Abo anfangen," sieht der 40-jährige "zug'raste" Oberösterreicher vor allem in der Verbürgerlichung der Grünen einen Grund für ihre Stärke im urbanen Raum.

Die bürgerlich-liberalen Wähler wechseln auch in der einst tiefschwarzen Josefstadt zunehmend zu den Grünen. Seit 2005 stellen diese den Bezirksvorsteher, am Sonntag machten 31,5 Prozent der Wähler die Grünen zur stärksten Partei im 8. Bezirk. Im Café Hummel in der Josefstädter Straße kommen die Mittdreißiger mit der älteren Generation zusammen. Arbeiter jausnen, tratschen mit dem "Chef", die Zeitungsleser gehen neben den Geschäfts- oder Kaffeekränzchen unter. Die Wahl ist kein Thema, das man (breit) diskutiert.

Im 6. Bezirk wurden die Grünen mit 31 Prozent erstmals stärkste Partei. "Hier passiert so viel kreatives Zeugs, es gibt eine schöpferische Atmosphäre," erklärt eine Kunststudentin aus Mariahilf. "Alles im grünen Bereich eben." Besonders in der Gumpendorfer Straße, in Naschmarkt-Nähe, haben sich in den letzten Jahren Mode- und Möbelboutiquen sowie hippe Lokale und Restaurants angesiedelt.

Der 38-jährige Grafikdesigner Martin, der im Café Sperl frühstückt, hat zwar ÖVP gewählt, ist aber auch den Grünen zugeneigt. Deren Zugewinne im Bezirk führt er auf eine "interessante Durchmischung" zurück. Viele Studenten und Jungfamilien würden die zentrale, aber ruhige Lage schätzen. "Es wohnen auch extrem viele Schwule hier," beschreibt Martin einen weiteren Grund fürs Grünwählen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2006)

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