Die Leidenschaften eines Exzentrikers

5. Oktober 2006, 20:15
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Der französische Regisseur Michel Gondry erzählt in "Science of Sleep" eine Liebes-
geschichte in Form eines charmant versponnenen Traumtagebuchs

Wien - Mitte der 90er-Jahre tauchten sie im Musikfernsehen auf: Die charmant versponnenen Weltentwürfe des Franzosen Michel Gondry, der Björk in ein behäbiges Panzergefährt oder in einen Märchenwald setzte, oder für Daft Punk ein mechanisches Ballett à la Busby Berkeley inszenierte. Gondry empfahl sich - im Unterschied zu anderen Kollegen - mit diesen eigenwilligen Basteleien nicht eben für eine klassische Hollywood-Karriere. Im Drehbuchautor Charlie Kaufman fand er allerdings bald einen kongenialen Partner und die beiden realisierten zwei Spielfilme: Human Nature (2001), der hierzulande leider nie ins Kino kam, und den vielfach prämierten Eternal Sunshine of A Spotless Mind (2004).

Frei nach Eigen-Erlebtem

Mit Science of Sleep hat Gondry nun erstmals ein eigenes Buch verfilmt, eine Liebesgeschichte frei nach eigenen Erfahrungen, die er "als eine Art Traumtagebuch" erzählen wollte. Und er hat sich dabei noch größere Rückgriffe auf jene Elemente erlaubt, die auch seine Videoclips auszeichnen: Gleich zu Beginn empfängt uns der Held in einem Eigenbau-TV-Studio mit Flokatibelag und Eierkarton-Schallschutz. "Stéphane-TV" überträgt live aus dem Kopf des (schlafenden) Helden. Stéphane (Gael Garcia Bernal), ein "großer Künstler mit fremdsprachigem Akzent", ist aus Mexiko nach Paris gekommen, um eine neue Stelle anzutreten. Er bezieht in der Wohnung seiner Mutter wieder das alte Kinderzimmer. Im Appartement nebenan richtet sich gerade eine neue Nachbarin ein: Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) weckt schnell Stéphanes Interesse - auch sie hat einen Hang zu Bastelarbeiten, verschrobenen kleinen Installationen, Apparaturen und optischen Tricksereien.

Auch der Regisseur hat nichts dagegen einzuwenden, wenn man seine Filme in die Nähe solcher von Hand gefertigter Objekte rückt, die bewusst etwas windschief gehalten sind. Schließlich rinnt auch in Science of Sleep ab und an Zellophanwasser aus der Leitung. Und die Traumwelten, in denen sich der Held im Verlauf der nicht unkomplizierten Liebesgeschichte verliert, sind voller wackeliger Pappendeckelkulissen, Wattewolken, Filzpferdchen und verzerrter Dimensionen und Perspektiven.

Traumerfahrungen

Phasenweise wirkt die Erzählung, die romantische Verwechslungskomödie, die sich zwischen Stéphane und Stéphanie entspinnt, in Science of Sleep ohnehin wie ein Vorwand, um immer eigentümlichere Szenarien zu entwerfen. Und auch mit der Filmtechnik (die unter anderem für altertümliche Stop-Motion-Effekte und Rückprojektionen sorgt) pflegt Gondry einen spielerischen Umgang. Wie sagte er in einem Gespräch mit dem Standard: "Wenn man zum Beispiel versehentlich einen Film doppelt belichtet, ist der Effekt ein anderer, als wenn man in der Postproduktion Vergleichbares versucht. Das Ergebnis sieht irgendwie anders aus. Es gibt da eine Form von Magie, von Unerwartetem, die näher an einer Traumerfahrung ist."

Die Traumerfahrungen seines Helden wiederum beinhalten Tagesreste, Flugfan- tasien und Fallängste, seltsame körperliche Zustände, wenn etwa die Dimensionen der Gliedmaßen eine eigentümliche Verschiebung erfahren.

Ob ihn, wie mancherorts er-wogen, die Arbeit von Surrealisten wie Luis Buñuel beeinflusst? "Ich liebe diese Regisseure und wäre natürlich sehr geehrt, wenn man mich mit ihnen vergleichen würde. Aber ich würde mich selbst niemals als neuer Bunuel bezeichnen. Surrealismus ist auch ein Sticker, der an allen möglichen falschen Stellen klebt - ich mache nicht mit Vorsatz bizarre Dinge. Ich hatte selbst dieses Gefühl der großen Hände als Teenager, dieses Missverhältnis zum eigenen Körper. Das war mein Material."

Langer Anlauf

Pläne für ein nächstes Filmprojekt gibt es bereits, und inzwischen haben sich Gondrys Videoclips (zuletzt arbeitete er vor allem mit den White Stripes) im Kino neue Abspielflächen erobert: "Ursprünglich drehte ich Kurzfilme , die wurden nie auf Festivals gezeigt. Es waren Animationen, sehr Detail versessen, lustig, ideenreich, aber man fand sie zu kindisch und verspielt. Meine Musikvideos laufen nun genau dort!" Jetzt im Kino. (Isabella Reicher, DER STANDARD Printausgabe, 30.9./1.10.2006)

  • Darsteller Gael Garcia Bernal und Regisseur Michel Gondry (re.) am Set
    foto: polyfilm

    Darsteller Gael Garcia Bernal und Regisseur Michel Gondry (re.) am Set

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