Kunsthandel: Vermarktung und Wahrheit

5. Oktober 2006, 23:09
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Kunstkauf und Vermeiden unliebsamer Überraschungen anhand von Beispielen aus dem aktuellen Auktionsangebot

Die Herkunft macht es aus: Die Angabe der Provenienz erzählt oft mehr als nur die Besitzergeschichte eines Kunstobjektes. Nur Transparenz kann den Käufer vor unliebsamen Überraschungen und plötzlich auftretenden Ansprüchen Dritter bewahren. Beispiele aus dem aktuellen Auktionsangebot.


Wien - Es ist ein kleiner, aber relevanter Unterschied: Der Hinweis auf die Herkunft eines Kunstobjektes kann Preise in die Höhe treiben und ist bei Raubkunst-Verdacht wiede-rum unabdingbar, wo solche Angaben Transparenz liefern und den Käufer vor unliebsamen Überraschungen wie Ansprüchen Dritter bewahren.

Auf dem internationalen Auktionsmarkt gehört es längst zum guten Ton, und kaum eine Katalogexpertise dokumentiert nicht den bisherigen Besitzerzyklus. Meist werden hier (renommierte) Sammlungen oder Galeristen angeführt, zuweilen (prominente) Persönlichkeiten oder auch nur Gebäude. In jedem dieser Fälle macht dies den Unterschied zum sonst anonymen Vorleben eines Kunstwerkes aus. Und manchmal liefert die Provenienz damit überhaupt erst die Geschichte. Das ist dann wiederum Teil der Erfolgsgeschichte von Auktionen, die kaiserlichen, königlichen oder auch nur adeligen Besitz auf dem Markt platzieren.

Der Anbieter sollte eine vertrauensvolle Quelle sein und die angeführten Provenienzen auch dezidiert nachweisen können. Ein Blick in die Weiten des Internets und auf die hier bekannten Auktionsplattformen bestätigt dies. Denn oft dienen solche Angaben vielmehr der Vermarktung, als ihr Wahrheitsgehalt dann auch tatsächlich belegbar ist oder eine kunsthistorische Expertise ableitbar wird.

Ein aktuelles Beispiel findet sich im Dorotheum. Am 18. Oktober hätte hier eine auf 5000 bis 6000 Euro taxierte Bibliotheksvitrine im Biedermeierstil zur Auktion gelangen sollen - "Prov. ehemals Palais Rasumovsky". Die Angabe, dass es sich um ein Möbel handeln soll, das in den Räumlichkeiten des 1803-07 erbauten Palais untergebracht gewesen sein soll, verleiht diesem Möbel eine Wertigkeit.

Aber die reicht nicht aus, sonst wären ja die derzeit von der Geologischen Bundesanstalt genutzten Büromöbel auch gleich "vergoldet". Nach Recherchen des Standard und anschließend genauerer Begutachtung der Experten wurde die Vitrine nun von der Auktion zurückgezogen. Am 5. Oktober gelangen im Dorotheum weitere mit prominenter Herkunft ausgestattete Objekte unter den Hammer: darunter zwei ehemalige First- figuren der 1874-77 erbauten Wiener Börse, die nach dem Brand im April 1956 abmontiert wurden und nun über Jahre in einem Depot schlummerten (14.000-16.000), oder eine Empire-Kommode mit handgeschriebener Inventar-Etikette, die den König von Holland Louis Bonaparte, den Bruder des französischen Kaisers, als ehemaligen Benutzer deklariert.

Kaiserliches Bett

Auch "im kinsky" wartet im Rahmen der 60. Kunstauktion (4./5. Oktober) mit speziellen Objekten auf: In der Sparte Antiquitäten wird ein Empire-Ruhebett aus dem Besitz der Kaiserin Maria Ludovica angeboten (2000-3000). Am Rahmen findet sich eine Inventarnummer des k.k. Hofmobiliendepots, das ehemals alle Möbel aus kaiserlichem Umfeld verwaltete und heute als die weltweit größte Möbelsammlung gilt. Wie kommen ehemalige Museumsbestände auf dem Markt?

Nicht immer rechtmäßig, vieles wechselte vor allem in Kriegszeiten auf heute nicht nachvollziehbarem Weg den Besitzer. So manchen Fehlbestand sucht das Hofmobiliendepot noch heute. Inventarnummern bieten hier eine entsprechende Hilfestellung, vor allem, wenn "sie nicht auf eine spezielle Art durchgestrichen" sind, merkt Kuratorin Eva Ottillinger an, und somit offiziell aus den Inventaren gelöscht wurden. Die Kürzel MD (Mobilien Depot), L (für Laxenburg) und S (für Schönbrunn) mit anschließender Nummernfolge "sind eindeutige Eigentumsbezeichnungen", bestätigt die Kuratorin. Anders ausgedrückt, "sollten solche Stücke in den Handel kommen, gilt es bei uns abzuklären, ob es legal ausgeschieden ist".

Denn in der Hauptsache sind solche Besitzerwechsel die Ausnahme geblieben, wie im Falle des Ruhebetts und einem ehemals in Schönbrunn beheimateten und aktuell ebenfalls im Kinsky angebotenen Pfeilerkästchens (2000- 3000). Zunächst hatte der Deutsche Studentenhilfsverein im Zuge einer humanitären Aktion leihweise Matratzen, Strohsäcke, alte Betten und Nachtkästen, zur Errichtung einer Notschlafstelle erhalten. "1927 wurden die Stücke gegen einen geringen Betrag verkauft, darunter die beiden Möbel im Kinsky", versichert Ottilinger auch auf Anfrage seitens des Auktionshauses. Und die ehemals im Museum für Kunst und Industrie, heute MAK, beheimatete gotische Truhe (8000-14.000)? Die Recherchen sind noch nicht abgeschlossen, "laut Einbringer wurde sie in den 40er-Jahren im Tausch gegen ein anderes Möbel erworben", erklärt Otto-Hans Ressler den Weg aus dem Museum in seinen Auktionssaal. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.9.2006)

  • Das Ruhebett von Kaiserin Maria Ludovica gelangt "im kinsky" zur Auktion.
    foto: "im kinsky"

    Das Ruhebett von Kaiserin Maria Ludovica gelangt "im kinsky" zur Auktion.

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