Auch Sport am Sonntag zur Wahl

5. Oktober 2006, 13:55
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Die Parteien nehmen in ihren Wahlprogrammen den Sport mehr oder weniger oder gar nicht wichtig - Mehr: ÖVP, SPÖ, Grüne - Weniger: BZÖ - Gar nicht: die anderen

Wien - War das ein Tag. Die Wahlen nahten, Professor Van der Bellen hatte gesagt, die Grünen würden sich im Regierungsfall "nicht mit einem Sportministerium abspeisen lassen", und damit immerhin etwas ausgelöst. Am 22. November 2002 traf sich, was man grosso modo den österreichischen Sport nennen würde, in der "Champions Bar" des Wiener Marriott-Hotels. Bekannte und weniger bekannte Sportler, wichtige und weniger wichtige Funktionäre waren gekommen, um politisches Lobbying für den Sport anzukurbeln.

Peter Schröcksnadel und Friedrich Stickler, die wichtigsten Funktionäre der größten Verbände Ski (ÖSV) und Fußball (ÖFB), erhoben stellvertretend Forderungen an die Politik. Annähernd gleich wichtig genommen wie die Kultur wollte der Sport werden, Schröcksnadel nahm sogar das Wort "Streik" in den Mund und warnte die Politik davor, den Sport zu ignorieren. Van der Bellen traf Schröcksnadel zufällig am Flughafen, entschuldigte sich für das "Missverständnis".

Fast vier Jahre sind vergangen, der Sport wurde direkt dem Bundeskanzler unterstellt, Karl Schweitzer als Staatssekretär folgte sozusagen Susanne Riess-Passer, er fiel in der Öffentlichkeit weniger auf, rührte dafür intern um, stellte die staatliche Förderung auf neue, solidere Beine. Stolz verweist Schweitzer darauf, dass der Sport im Jahr 2007 "wohl 72 Millionen Euro und damit doppelt so viel lukrieren wird", doppelt so viel wie früher, als die Sportförderung mit 36 Millionen gedeckelt war.

In den Sportverbänden und Vereinen ist Schweitzer recht gut angeschrieben, in seiner Partei BZÖ und bei deren Koalitionspartner ÖVP war und ist sein Standing weniger gut. Man hat ihn oft und oft anrennen lassen. Wenn er, der ehemalige Turnlehrer, etwa die tägliche Bewegungseinheit in der Schule forderte, stellte sich Elisabeth Gehrer taub. Wenn er den Sport im Wahlkampf thematisieren wollte, fand er nicht einmal bei seinem eigenen Parteichef Gehör. "Damit muss ich leben", sagt er, der nur den 16. Platz auf der BZÖ-Liste einnimmt.

Peinlich, auch für Schweitzer, der Platz, den der Sport im BZÖ-Wahlprogramm bekam. Nicht mehr als ein paar Zeilen ist das Thema der Partei des Sportstaatssekretärs wert. Damit positioniert sie sich knapp vor FPÖ, Liste Martin und KPÖ, die kein einziges Wort zum Sport fallen ließen.

Jedenfalls engagierter und umfangreicher wird der Sport in den Wahlprogrammen von ÖVP, SPÖ und Grünen behandelt. Bei der ÖVP findet sich unter dem Überbereich "Soziales Österreich" ein eigenes, Sport-Kapitel und auffallenderweise recht viel von dem, was Schweitzer zu predigen pflegt. Etwa dass "regelmäßige Bewegung gesundheitspolitische Ziele unterstützt. Der Staatssekretär, der mit genau dieser These jahrelang von der Gesundheitsministerin ignoriert wurde, mag sich gepflanzt fühlen. Kontaktstellen für Sportkooperationen (Kindergarten, Schule, Senioren) sollen eingerichtet, öffentliche Sportstätten am Wochenende und in den Ferien geöffnet werden.

Auch die SPÖ, die "20 Projekte für mehr Fairness in Österreich" erstellte, will "Initiativen zur Aktivierung der sportlich nicht aktiven ÖsterreicherInnen setzen", siehe Projekt 14. Es trägt die Überschrift: "Der Sport als sozial- gesundheits- und wirtschaftspolitischer Faktor". Politik müsse sich "verstärkt in der Verbesserung der infrastrukturellen Voraussetzungen für den Sport im Allgemeinen und den organisierten Vereinssport im Besonderen engagieren". Und natürlich will man den Schulsport forcieren.

Die Grünen kritisieren Gehrer wegen einer "Kürzung des Sportunterrichts und des Wegfalls zusätzlicher sportlicher Angebote", das sei gesundheitsschädigend und nehme "SchülerInnen die Möglichkeit auf einen wichtigen Ausgleich". Die Grünen wollen schon beim Kindergarten ansetzen und den Menschen quasi ein Leben lang sportlich begleiten, "Gesundheit und Aktivität bis ins hohe Alter fördern".

Wie welche Partei dem Sport helfen will und kann, das ist auch insofern entscheidend, als er sich selbst kaum helfen wird, der Sport. Seit damals, seit 22. November 2002, ist man in der Form nicht mehr zusammengekommen. Ein Tag war das, mehr nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 28. September 2006, Fritz Neumann)

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    Politiker suchen in Zeiten des sportlichen Erfolgs gerne die Nähe von Spitzensportlern und lassen sich dabei liebend gerne ablichten. (v.li: BK Wolfgang Schüssel, ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, Hermann Maier und Ex-Vize-Kanzlerin Susanne Riess-Passer)

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