Kathedralen der Eisenbahn: Wien hatte einst sechs Fernbahnhöfe

27. September 2006, 19:00
6 Postings

Karl Kraus: "Nach Ägypten wär´s nicht so weit. Aber bis man zum Südbahnhof kommt..." - Ausstellung im Wien Museum

Sie waren die Paläste des aufstrebenden Industriezeitalters – heute sind die einstigen Prachtbauten am Ende des Schienenstrangs oft nur noch gesichtslose Transiträume: Die jüngste Ausstellung im Wien Musem zeigt die große Geschichte der Wiener Bahnhöfe.

***

Wien – Wahrscheinlich gibt es keine andere (bis heute bestehende) Art der Fortbewegung, die mit so viel Historie, Sentimentalität und Gefühlsduselei verbunden ist wie die Eisenbahn. Ihr Anfang und Ende ist stets der Bahnhof – Monumentalbau, Kathedrale des industriellen Fortschritts und Tor zur Welt. Diesem Phänomen widmet sich derzeit eine Ausstellung in Wien Museum.

Aufschwung und Ende

Unter dem Titel "Großer Bahnhof. Wien und die weite Welt" werden die k.u.k.-Großbahnhöfe des 19. Jahrhunderts unter die Lupe genommen. Beleuchtet wird ihre politische und städtebauliche Bedeutung, aber auch ihr Aufschwung und ihr Ende, von dem die heutigen Wiener Bahnhöfe unübersehbare Zeugen sind: Denn längst hat sich das mondäne Reisen zugunsten des Fliegens verlagert, und die einstigen Eisenbahn-Paläste sind vielerorts nur noch gesichtslose Transiträume.

Historismusmix aus Ritterburg und Byzanz

Heutzutage ist kaum noch bewusst, dass Wien einst sechs Fernbahnhöfe hatte. Neben den vier Himmelsrichtungs-Portalen waren dies weiters der Nordwest- sowie der Kaiser-Franz-Josefs-Bahnhof. Die ersten Zugsschienen Österreichs – es war die vierte Strecke Europas – führten anno 1838 vom Praterstern nach Deutsch Wagram. Dem provisorischen Bahnhofsgebäude, dem ersten Wiener Bahnhof überhaupt, folgte bald der bizarre Nordbahnhof, ein Historismusmix aus Ritterburg und Byzanz. Heute steht vom einstigen Prachtbau kein Stein mehr. Die brandzerstörte Ruine wurde 1965 gesprengt.

Unterhaltungsindustrie

Wie stark die Errichtung von Bahnhöfen die Entwicklung der Stadt beeinflusst hat, zeigen am besten die Bezirke Leopoldstadt und Favoriten. Im einen Falle etablierte sich ein schieres Spektrum jugendfreier sowie jugendverbotener Unterhaltungsindustrie, im anderen Falle wuchs der Stadtteil erst mit der Bahn zu einem Arbeiter- und Industriebezirk an. Bahnhöfe wurden Verkehrsknotenpunkte für den innerstädtischen Verkehr, doch nicht immer war der Weg zum Bahnhof ein einfacher. Denn wie ein Karl Kraus einst sagte: "Nach Ägypten wär´s nicht so weit. Aber bis man zum Südbahnhof kommt..." Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Chris Lohners Bahnsteigansagen

Zur Ausstellung, über die übrigens ein Schallschleier mit Chris Lohners Bahnsteigansagen gelegt wurde, erscheint ein dicker, fetter Katalog im Czernin-Verlag (450 Seiten, Hg. Wolfgang Kos und Günter Dinhobl).(Wojciech Czaja, DER STANDARD Printausgabe 28.9.2006)

"Großer Bahnhof. Wien und die weite Welt" Wien Museum
Karlsplatz
1040 Wien

28.9.2006-25.2.2007
Di-So, Fe 9-18 Uhr
Eintritt: 6 Euro

www.wienmuseum.at
  • Der alte Nordbahnhof, ein Historismusmix aus Ritterburg und Byzanz. 1965 wurde die Bombenruine gesprengt
    foto: wien museum

    Der alte Nordbahnhof, ein Historismusmix aus Ritterburg und Byzanz. 1965 wurde die Bombenruine gesprengt

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Westbahnhofs um 1960. "Mehrere hundert Millionen Euro" werden in den kommenden Jahren in die Erneuerung der Wiener Großbahnhöfe investiert, so die ÖBB. Darunter: Der Neubau Hauptbahnhof und die Generalsanierung des Westbahnhofes ab 2007/2008.

Share if you care.