Die engen Grenzen der Zeit

2. Jänner 2007, 13:37
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Der Chefdesigner der Uhrenmarke Baume & Mercier, Alexandre Peraldi, über die perfekte Uhr und wie man von einem Dessert zu einem Armband Kommt

Der Standard: Warum gestalten Sie Uhren?

Alexandre Peraldi: Ich bin zufällig an Uhren geraten. Nach meiner Ausbildung an einer Pariser Kunstschule war ich bei Cartier tätig. Dort hab ich das Uhrendesign lieben gelernt. Mich faszinieren die eng gesteckten Vorgaben in diesem Bereich.

Der Standard: Gibt es nicht schon genug Uhren?

Peraldi: Ja, es gibt viel zu viele Uhren. Wenn es aber ein Designer versteht, etwas zu kreieren, das anders ist, etwas Neues bringt, haben diese Stücke ihre Berechtigung.

Der Standard: Was kann an einer Uhr, von technischen Dingen abgesehen, wirklich "neu" sein?

Peraldi: Nun, an einem Auto sind Neuheiten natürlich leichter wahrnehmbar. Bei den Uhren ist das viel diskreter, nuancierter. Die technischen Neuerungen sind auch nicht so augenscheinlich. Aber es gibt schon eine ästhetische Evolution. Für den, der die Uhr kauft, ist dies auf jeden Fall sichtbar.

Der Standard: Haben Sie eine Idee, wie viele Uhrenmodelle es weltweit gibt?

Peraldi: Da hab ich absolut keine Ahnung.

Der Standard: Was würden Sie schätzen?

Peraldi: Hm, ich ziehe es vor, da lieber nichts zu sagen. Ich weiß ja nicht einmal, wie viele Uhrenmarken es gibt. Ich entdecke jeden Tag neue Marken.

Der Standard: Wie oft wechseln Sie die Uhr?

Peraldi: Manche trag ich zwei Monate lang, und dann wechsle ich wieder jeden Tag. Wenn ich zum Beispiel Sport treibe, kann es durchaus sein, dass ich eine alte Plastikuhr aus der Schublade ziehe. Was ich nicht tue, ist, die Uhr an meine Kleidung anzupassen.

Der Standard: Tragen Sie auch Uhren von der Konkurrenz, oder ist das in Ihrem Job tabu?

Peraldi: Tabu ist das keines, aber im Job, eigentlich auch am Wochenende und in den Ferien trag ich Baume & Mercier-Uhren. Ich hab noch einige alte Cartier-Uhren, die sind für mich allerdings aus der Mode. Manchmal hab ich auch Lust, etwas Neues zu kaufen, lass es dann aber sein.

Der Standard: Was würden Sie gerne designen, wenn es keine Uhren gäbe?

Peraldi: Für mich sind neben genauen Vorgaben vor allem Tragbarkeit und Komfort die großen Herausforderungen. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, Schuhe, Möbel oder Autos zu gestalten, alles, womit der Mensch direkt in Kontakt kommt. Was mich am Auto zum Beispiel viel mehr als die Karosserie interessieren würde, ist das Innenleben eines Wagens.

Der Standard: Uhrendesign ist eine sehr begrenzte Angelegenheit. Salopp formuliert, gibt's da das Gehäuse, die Technik, das Band, das Zifferblatt etc. Sie sagten, Sie schätzen die Grenzen. Ist das nicht manchmal auch ein Fluch?
Peraldi: Ich sehe das als Herausforderung. Diese Vorgaben fordern uns, stellen uns auf die Probe. Etwas hübsch zu machen, reicht in diesem Falle nicht. Uhrendesign muss effizient und komfortabel sein, es muss so gut wie perfekt sein. Das klingt vielleicht ein wenig anmaßend, aber letztendlich geht es um Perfektion.

Der Standard: Was ist die perfekte Uhr?

Peraldi: Ich denke, die perfekte Uhr ist die, die man vergisst, wenn man sie trägt. Auch wenn es sich um ein sehr großes, schweres Modell handelt. Es geht, wie bereits erwähnt, um Komfort. Natürlich müssen weiters die Zeitangabe und Lesbarkeit stimmen. Sie sollte diskret sein, über ein Detail verfügen, das man immer wieder gern anschaut. Eine Uhr ist ja etwas sehr, sehr Persönliches.

Der Standard: In einer Baume & Mercier-Broschüre heißt es, das Wichtigste für einen Designer sei es, immer die Augen offen zu halten und bereit zu sein für den berühmten Geistesblitz, der zu neuen Inspirationen führt. Wie funktioniert das mit dem Geistesblitz? Können Sie ein Beispiel nennen?

Peraldi: Ein Designer muss alles aufnehmen, und all die Bilder, die er empfängt, formen seine Kultur. Hier in Wien zum Beispiel studiere ich die Details der Architektur, ich schaue auch, wie ein Gericht im Restaurant zubereitet ist. Das sind Dinge, die ich abspeichere, und irgendwann kommt dann ein Bild zustande, das ich verwenden kann. Ich habe zum Beispiel einmal die Farbe für ein Armband in einer Nachspeise entdeckt.

Der Standard: Zurück zur Uhr, wann hört die Uhr auf, reines Mittel zum Zweck, sprich reiner Zeitmesser zu sein?

Peraldi: Die Uhr ist immer mehr als ein reiner Zeitmesser. Sie muss gut aussehen, ich sag es noch einmal, komfortabel sein, sie ist Schmuck und spiegelt unsere Persönlichkeit wider.

Der Standard: Im Vergleich zum Produkt- oder gar Modedesign bleibt der Uhrendesigner so gut wie immer anonym. Warum gibt es zum Beispiel keinen Philippe Starck des Uhrendesigns?

Peraldi: Es stimmt, dass man zu wenig über die Gestalter von Uhren spricht. Das ist aber auch gut so, denn Uhrendesign ist immer Teamwork. Es wäre gefährlich, da einen herauszustellen. Starck ist ein interessanter, toller Gestalter, er arbeitet allerdings weder im Team, noch hat er es besonders mit der Funktion.

Der Standard: Hat diese Sache mit dem Namen nicht auch sehr viel mit der Marke zu tun? Uhren definieren sich ja stärker als viele andere Produkte über die Marke. Könnte der Name des Designers dem Stellenwert der Marke Konkurrenz machen?

Peraldi: Ja, ich denke schon. Man sieht das besonders deutlich in der Haute Couture, wo der Designer sehr stark in den Vordergrund rückt und sich so schon zur Konkurrenz für die Marke entwickeln könnte.

Der Standard: In Sachen Uhrendesign wird immer wieder die Mechanik, das Manufakturhafte, das Traditionelle herausgestrichen. In vielen anderen Bereichen, vor allem im Kommunikations- und Unterhaltungsbereich geht es dagegen nur noch um "höher, weiter, schneller, revolutionärer" . . . Wird sich auch die Uhrenindustrie langfristig mehr mit Hightech-Spielereien auseinander setzen müssen? Anders gefragt: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Uhr in 50 Jahren aus?

Peraldi: Nun, es gab ja im Uhrenbereich schon mit den Quarzuhren eine ziemliche Revolution, und diese beiden Typen kommen ja sehr gut miteinander aus. Ich denke aber, im Vergleich zur Mobiltelefonie oder zur Autoindustrie gibt es kein so großes wirtschaftliches Interesse, da etwas zu tun. Die Veränderungen sind in unserem Bereich nicht so groß. Ich würde mir freilich schon eine solche Revolution wünschen.

Der Standard: Das würde aber Ihre geschätzten Grenzen aufbrechen...

Peraldi: Das hat natürlich auch etwas sehr Reizvolles. Aber ich denke nicht, dass es so weit kommen wird. Die Uhr ist ja vor allem auch ein Schmuckstück. Schmuck hat sich im Prinzip seit 10.000 Jahren nicht verändert. Ich denke, das ist der Hemmschuh. (Interview: Michael Hausenblas/Der Standard/Rondo/22/09/2006)

  • Design-Director Alexandre Peraldi
    fotos: baume & mercier

    Design-Director Alexandre Peraldi

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