"Die Empörung ist gigantisch"

26. Juni 2000, 21:42

Riess-Passer hat es sich mit den LehrerInnen und der Unterrichtsministerin verscherzt

Susanne Riess-Passer hat es sich mit ihrem Plan, bei Lehrern Milliarden sparen zu wollen, mit den Lehrern und der Unterrichtsministerin verscherzt. Eva Linsinger und Martina Salomon berichten.

Wien - Sein Telefon hört seit Tagen nicht mehr auf zu klingeln: AHS-Lehrergewerkschafter Helmut Jantschitsch berichtet dem STANDARD, dass die "Empörung bei den Lehrern gigantisch ist".

Schließlich schießt sich die FPÖ seit Tagen auf die 120.000 Lehrer Österreichs ein. Bemängelt, dass sie zu wenig arbeiten und dafür zu gut bezahlt werden. Am Wochenende hat die für Beamte zuständige Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (FPÖ) angekündigt, vier Milliarden Schilling einsparen zu wollen: Indem die Arbeitszeit um eine Stunde pro Woche erhöht und Überstunden auf der Basis des Grundgehaltes - und nicht auf der Basis des Gehalts plus Zulagen berechnet werden.

Arbeitslose LehrerInnen

Mit diesen Sparplänen stößt die FPÖ-Chefin aber nicht nur auf den Widerstand der Gewerkschaft, sondern auch auf den von Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP): "Wer eine zusätzliche Stunde zur bestehenden Lehrverpflichtung fordert, versteht nichts vom Schulbetrieb", rüffelt Gehrer die Vizekanzlerin. Es sei eine "Milchmädchenrechnung" zu glauben, mit einer zusätzlichen Stunde gebe es keine Überstunden - dafür gebe es arbeitslose Lehrer mehr. Sie versuche "aus der Sachkenntnis heraus" Vorschläge zu machen. So soll die Abrechnung der Überstunden genau geprüft werden.

Etwas anderes als eine Gegenmeinung zu Riess-Passer hat Jantschitsch von "seiner" Ministerin auch nicht erwartet. Gibt es doch regelmäßige Kontakte mit Gehrer, die noch kürzlich Sparen bei Lehrern ausgeschlossen hatte.

Und wie verteidigt man sich gegen den Vorwurf, wenig zu arbeiten, viel Geld zu verdienen und lange Ferien zu genießen? Dazu laufe gerade eine Studie, sagt Jantschitsch. Lehrer müssen einen umfangreichen Fragebogen über ihre Arbeitszeit ausfüllen. Schwindeln sei dabei nicht ohne weiteres möglich, meint der Geographie- und Englischprofessor. Doch, mithilfe der Lehrergewerkschaft, kontert Riess-Passer: Erkläre die doch, "wie man den Fragebogen ausfüllen muss, damit man auf eine Wochenarbeitszeit von 46 Stunden kommt".

Wie viel Arbeit zieht etwa eine Unterrichtsstunde Englisch nach sich? Jantschitsch: "Ich schaue die Hausübungen immer ordentlich an - zehn Minuten pro Schüler ergibt allein 250 Minuten pro Woche für eine einzige Hausübung. Dazu kommen noch Dinge wie Schularbeiten, Frühwarnsystem oder Elternkontakte. Der Aufwand wird immer unterschätzt. Es ist einfach eine böswillige Unterstellung, dass wir faule Hunde sind."

Wenig Stunden

Faule Hunde hat die FPÖ auch nicht gesagt, sondern den internationalen Vergleich betont (siehe Artikel rechts). Riess-Passer zum STANDARD: "Wir stehen ganz oben bei der Bezahlung der Lehrer und ganz unten bei der Stundenanzahl. Überall anders ist die Lehrverpflichtung höher als in Österreich. Und selbstverständlich kann man durch eine Erhöhung der Lehrverpflichtung sparen."

Die Unterrichtsministerin hat am Montag ihre eigenen Vorschläge auf den Tisch gelegt: Gehaltszuschläge statt Abschlagsstunden und Neuaufteilung des Lebensgehaltes ab 2002. Angestrebt wird dabei die Neuaufteilung des Lebensgehalts, so Gehrer: "Junge Lehrer sollen mehr verdienen, aber auch mehr arbeiten - als Ausgleich dafür aber ab 50 zurückstecken und andere Aufgaben übernehmen können."

"Wir werden das in Ruhe anschauen", sagt die Gewerkschaft. Das Modell höhere Einstiegsgehälter, dafür geringere Steigung hätte man schon vor 20 Jahren machen sollen. "Da hätten wir jetzt viele Probleme nicht." Denn derzeit drückt gerade ein Überhang älterer Lehrer aufs Bildungsbudget. Was sich auch in Zahlen ausdrückt: 29 Milliarden Schilling sollen heuer für die Personalkosten der Bundeslehrer ausgegeben werden, 38 Milliarden für die Landeslehrer. Im Jahr 1990 waren es 18 Milliarden für Bundes- und 24 für Landeslehrer gewesen. Dieses Problem werde sich aber fast von selbst lösen, prognostiziert Wiens Stadtschulratspräsident Kurt Scholz: "2003, 2004 gibt es große Pensionierungswellen, und junge, billigere Lehrer rücken nach."

Jantschitsch fürchtet durch die FPÖ-Vorschläge eine "Motivationsemigration" jener Lehrer, die bisher überdurchschnittlich einsatzbereit waren. Die Stimmung unter seinen Kollegen sei "miserabel", man denke an "Kampfmaßnahmen": "Im Herbst würden alle Räder stillstehen."

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