Steigung auch für Anfänger

25. September 2007, 14:55
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Auch Hobby-Sportler können sich an der Strecke der Straßen-Rad-WM 06 versuchen - und dabei ihre Grenzen kennen lernen

Aus dem IC-Abteil auf der Strecke von Wien nach Salzburg ist die Stelle nur sekundenlang zu sehen: eine mörderische Steigung von der Bahnüberquerung bei der Regionalbahn-haltestelle Tiefenbach hinauf ins Dörfchen Elixhausen. Das ist die Schlüsselstelle der Straßen-Rad-Weltmeisterschaft 2006, die von 19. bis 24. September in und um Salzburg herum stattfindet - auf einem Kurs, der, so locken die Veranstalter, auch "einen großen Anreiz für Hobbysportler" bietet.

15 Prozent Steigung hat, wenn auch nur auf 200 Metern, dieser steilste Anstieg bei Tefenbach, und wer von den rasanten Abfahrtskurven davor nicht genügend Schwung mitgenommen hat und, so wie ich, zu spät schaltet, dem nützt auch eine 34:22-Untersetzung überhaupt nichts, er muss schon nach wenigen Metern aus den Pedalen.

Bernhard Eisel, einer der Österreicher, die bei etwas Glück vielleicht halbwegs mit der Weltspitze mithalten können, wird hier bei der WM eine Übersetzung von 39:23 fahren und dabei - das tröstet mich - ganz so wie ich ordentliche Schmerzen in den Beinen haben. Im Gegensatz zu mir kann er sich dann nicht an den Straßenrand hocken, den Blumen und Bienen zuschauen und die Aussicht genießen.

Von der Aussicht bekommen die mehr als tausend Athletinnen und Athleten, die am Straßenrennen und am Einzelzeitfahren teilnehmen, bei der Rad-WM nicht sonderlich viel mit. Daniela Pintarelli, eine der vier österreichischen Fixstarterinnen aus Landeck in Tirol, nimmt sich wenigstens im Training die Zeit, den Blick gelegentlich nach links und rechts schweifen zu lassen.

Eisel sieht es realistisch: "Ob wir in der Pampa fahren oder vor der Salzburger Kulisse, ist für uns egal", meint er, "aber es macht für die Zuschauer einen Unterschied." 250.000 bis 300.000 Besucher erhoffen sich die Veranstalter. 400 bis 600 Millionen sollen die weltweit 50 TV-Stationen vor die Fernseher locken.

Dabei ist die Kulisse tatsächlich spektakulär. Der 22,2 Kilometer lange Rundkurs, der von den Elitefahrern zwölfmal, den Unter-23-Jährigen achtmal und den Frauen immerhin sechsmal bewältigt werden muss, beginnt und endet im barocken Zentrum von Salzburg, vor dem Schloss Mirabell.

Dazwischen ein Auf und Ab, zuerst durchs Weichbild der Stadt, auf der Paris-Lodron-, Stelzhamer- und Sterneckstraße, dann auf der Linzer Bundesstraße durch typische Stadtrandszenerien mit der unvermeidlichen Dreieinigkeit von Hofer, Lidl und Interspar, mit dem Hintergrund einer idyllischen Voralpenlandschaft vor den eindrucksvollen Bergmassiven von Watzmann, Untersberg und Tennengebirge. Ein Umspannwerk im späten Jugendstil, ein malerischer Bauernhof, der vielbogige Viadukt der Westautobahn schaffen Kontraste.

Die erste mäßige, aber lange Steigung führt von Mayrwies nach Oberesch. Die breite, gerade Straße verlockt die Autofahrer im Freitagmittagsverkehr zu riskanten Überholmanövern, deren Leidtragender immer wieder der aufs Bankett gedrängte einsame Radler ist.

Einen "Schmierer" nennen Eisel und Pintarelli so eine Strecke, die schon in der ersten Runde für Positionskämpfe sorgen wird. Hier herrscht fast immer Gegenwind, der, so weiß Bernhard Eisel, im Laufe des Tages immer mehr zunimmt. Wer sich auf dieser Steigung nicht unter die ersten zehn bis zwanzig reiht, habe auf der folgenden kurvigen Abfahrt und der Steigung bei Tiefenbach kaum mehr Chancen, sich vorn zu positionieren. Andererseits kann eine gute Bergfahrerin, so prophezeit Daniela Pintarelli, die in der Schlüsselsteigung "ein Loch aufgerissen" hat, dieses bei der anschließenden Abfahrt von Elixhausen über Lengfelden ins Zentrum von Salzburg leicht wieder zumachen.

Die Straßenbeläge wurden für die Weltmeisterschaft optimiert. Frischer Asphalt macht die Runde auch für unser-eins zum Vergnügen. In Elixhausen ist auf das schwarze Teerband alle 100 Meter eine 30-Kilometer-pro-Stunde-Beschränkung aufgepinselt.

Das soll die Autoraser einbremsen, die Rennradler müssen sich, so behaupten sie es jedenfalls, im Training ebenfalls an die Straßenverkehrsordnung halten. Im Rennen werden sie aber das Dorf mit weit mehr als der erlaubten Geschwindigkeit durchstrampeln und dabei von den Anrainern noch angefeuert werden.

Am Ortsende von Elixhausen zweigen die Einzelzeitfahrer nach rechts, die Straßenmeister nach links ab. Für den Freizeitradler beginnt jetzt eine Tour der höchsten Gefahren. Die Fahrbahn wird sechsspurig, hinter Lengfelden teilt sie sich in die Autobahnauffahrten Richtung Wien und Richtung Salzburg, zwischen denen die Stadteinfahrt bei Kasern verläuft.

Dringender Appell an die Vernunft von Hobbyradlern: hier die WM-Strecke verlassen, auf eine pilzduftende Waldstrecke zum Wallfahrtsort Maria Plain ausweichen und über den Radweg entlang der Salzach den Mirabellplatz erreichen.

Auf Bernhard Eisel warten jetzt weitere elf, auf Daniela Pintarelli immerhin noch fünf Runden, freilich ohne Fernlaster- und Wochenendautoverkehr. (Horst Christoph/Der Standard/RONDO/15.09.2006)

  • Für die Kulisse von Salzburg haben die Profis keinen Blick. Die Amateure lassen es gemütlicher angehen und radeln die WM-Strecke mit Genuss - und Ausblick.
    foto: salzburgerland tourismus

    Für die Kulisse von Salzburg haben die Profis keinen Blick. Die Amateure lassen es gemütlicher angehen und radeln die WM-Strecke mit Genuss - und Ausblick.

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