"Uferlose" Rechtsverletzungen

9. Oktober 2006, 16:41
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"Hunderte Medienhäuser" in aller Welt haben mit ihren Bildern und Berichten über die Interviews Natascha Kampuschs Rechte verletzt

"1 Million Euro für Natascha" titelte Österreich am Freitag. Dass deutlich sechsstelliger Schadenersatz des Fellnerblattes diese Schätzung noch auffetten könnte, stand nicht dabei.

ORF-Experten arbeiten über dieses Wochenende an einer ersten Berechnung, wie viel Geld sie für unerlaubte Screenshots und Abschriften des Interviews einklagen können. Diese Rechte am TV-Interview gehören dem ORF und Natascha Kampusch.

"Mehrere grobe Rechtsverletzungen" bei Österreich

"Wir werden nicht ein oder zwei Screenshots verfolgen, aber 20 davon und den Interviewtext in einer eigenen Beilage werden wir nicht ignorieren können", sagt Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger. "Mehrere grobe Rechtsverletzungen" sieht er bei Österreich.

Nicht einmal grob will Ganzger umreißen, wie viel Schadenersatz insgesamt an Kampuschs Fonds fließen könnte: "Würde man alle verfolgen, jedenfalls weit mehr als 300.000 Euro." "Hunderte Medienhäuser weltweit" dürften binnen Stunden Rechte von Kampusch und ihren Medienpartnern verletzt haben: eine "fast uferlose Zahl".

Österreich ließ verlauten, es habe "keine unbefugten Rechte in Anspruch genommen". "Ausdrücklich" betont das Blatt, dass es "über keinerlei Vorausinformationen des ORF zum Interview verfügt hat". Deshalb sei die Zeitung im Westen ohne Kampusch-Beilage erschienen. Das stimmt.

Entgegenkommen B

Dem STANDARD liegen allerdings Screenshots von der Internetseite der Zeitung vor, wonach dort vor Ende des ORF-Interviews schon die sechs Teile darüber aufbereitet online standen. Sie entsprachen nicht der von ORF On veröffentlichten Version.

ORF-General in spe Alexander Wrabetz wollte sich zu Spekulationen nicht äußern, dass Band oder Transkript vorzeitig an das Fellnerblatt ging.

Wrabetz' und Generalin Monika Lindner wollten keine Bilder von den Interviews in Krone und News etwa in ORF On und keine Berichte vor dem "Thema Spezial" in der "ZiB 1", obwohl der Vertrag diese erlaubte. Beobachter vermuten dahinter Entgegenkommen gegenüber Fellner, der kein eigenes Interview mit Kampusch hatte.

Druck auf Mück

TV-Chefredakteur Werner Mück stimmte erst nach massivem Druck der "ZiB"-Redakteure zu, doch um 19.30 Uhr zu berichten.

Lindner dementierte, sie habe ausländische Journalisten vom Interviewschauen auf dem Küniglberg ausgeladen: Sie war damit nicht befasst. "Die Würstel waren schon bestellt", sagt ein ORF-Mann. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.9.2006)

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