Fernwohnen

2. Jänner 2007, 13:37
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Millionen schauen zu, wenn Almuth, Karima oder Tine, die Wohnexpertinnen von RTL, im Handumdrehen eine lieblose Bleibe in einen Wohntraum verwandeln. Doch hinter dem legeren Fernsehumbau samt Maler und Tischler steckt knochenharte Architektenarbeit, berichtet Wojciech Czaja

"Wenn Architektur über eine Sprache verfügt, so wird diese offensichtlich von der breiten Masse nicht verstanden", umschreibt der deutsche Architekturtheoretiker Riklef Rambow das Dilemma der Architektur, "sie dient der Massengesellschaft, ist aber selten allen verständlich." Was den Architekten nicht gelingt, das kann zumindest das Fernsehen. Denn seit einigen Jahren gibt es einen regelrechten Boom an Heimwerkersendungen, Do-it-yourself-Ratgebern und kleinen schmucken Zimmerschönheitskuren, die aus jedem noch so düsteren Loch auf der Mattscheibe im Nu eine "Wohlfühloase" zaubern. Die Einschaltquoten in Sachen Deko-Soaps sind enorm. In Großbritannien gibt es das Format "Changing Rooms" bereits seit einem knappen Jahrzehnt. BBC-Moderator Andy Kane - fesch, charmant, metrosexuell - begleitet die Kandidaten dabei, wie sie für zwei Tage mit ihren Nachbarn Wohnung und Zimmer tauschen und es für die lieben Hausgenossen mit fachmännischer Hilfe redesignen - Freudentränen und Angstschweiß miteingeschlossen; manche Nachbarn gehen seitdem wohl getrennte Wege.

Einsatz in 4 Wänden

Doch der mediale Erfolg war so groß, dass die deutsche Produktionsfirma MME das Konzept umkrempelte und es anschließend an RTL verkaufte. "Einsatz in 4 Wänden" - wie sich das deutsche Pendant nennt - läuft seit Oktober 2003 fünfmal die Woche und gilt als erfolgreichste Dokutainment-Sendung im deutschen Fernsehen. Die Sache mit den Nachbarn wurde ersatzlos gestrichen, stattdessen gibt es eine nette mollige Dame, die mit ihrem Team vor laufender Kamera das gewünschte Zimmer der Kandidaten leert, um es anschließend wieder neu zu befüllen. Betreten darf das Zimmer erst wieder werden, wenn alles fix und fertig ist - also nach drei Tagen. "Zuschauer wenden sich mit unterschiedlichen Wohnproblemen an die Sendung", beschreibt der private Fernsehsender sein Format, "Chaos zu Hause? Seit Jahren nichts an der Einrichtung geändert? Oder einfach nur unzufrieden mit der derzeitigen Wohnsituation, aber keine Ideen? Ein Fall für die RTL-Wohnpolizei!" Ist das die Architektur für den kleinen Mann?

Knochenharte Architektenarbeit

In der Tat, hinter dem legeren Fernsehumbau samt Maler und Tischler steckt knochenharte Architektenarbeit, denn entgegen der transportierten These stammen die Ideen weder von Tine, noch von Almuth oder Karima. Dafür aber lächeln die drei Moderatorinnen alias Wohnexpertinnen, die sich von Woche zu Woche abwechseln, unentwegt in die Kamera und sind der lebende Beweis dafür, wie leicht es ist, ein Billy-Regal zusammenzuschrauben, oh-ne dabei eine einzige Schweißperle auf der Stirn zu vergießen. Für ihre telegene Überzeugungskraft wurde Tine Wittler, Moderatorin der ersten Stunde, sogar mit dem Deutschen Fernsehpreis 2004 ausgezeichnet.

Eines der vier Architekturbüros, das hinter den Kulissen schon seit der aller-ersten Sendung die Zimmerentwürfe anliefert, ist die junge Boygroup spine2 aus Hamburg. "Wenn wir sagen, dass wir unter anderem für "Einsatz in 4 Wänden" arbeiten, heißt es immer: Mensch, wie könnt Ihr so etwas machen, das ist doch keine Architektur!", erzählt Boris Bähre, einer von vier gleichberechtigten Partnern. "Ist diese Arbeit unter unserer Würde? Nein, das ist sie nicht." Hinter der spielerischen Leichtigkeit vor der Kamera steckt nämlich ein Auftrag mit all den Arbeitsleistungen, die ein größeres Projekt ebenso abverlangt: Konzept, Entwurf, Detailplanung, örtliche Bauaufsicht; mit dem einzigen Unterschied der Zeit. "Was die Sache so spannend macht, ist die Kurzfristigkeit des Jobs. Von der ersten Skizze bis zur Ausstrahlung der Sendung sind es manchmal nur vier Wochen", so Neil Winstanley. So rasch geht in der Architektur sonst kein Auftrag über die Bühne. Anfangs werden die Kandidaten über die RTL-Redaktion gecastet. Finanzielle und soziale Bedürftigkeit zählen dabei ebenso wie Kameratauglichkeit und Sympathie. Danach sind die Architekten an der Reihe und untersuchen die eigenen vier Wände auf Größe und architektonisches Ambiente. Mit Lasergerät und Zollstock ausgestattet, geht man ans Abmessen, parallel dazu äußern die Kandidaten ihren Wohnwunsch. "Die Leute haben, abgesehen von Farbwünschen und Tapetenmustern, kaum konkrete Vorstellungen, sie haben sich mit ihrer Wohnsituation vielleicht noch nie im Leben ernsthaft auseinandergesetzt", erzählt spine2-Architekt Jörn Hadzik. Das sei auch die Herausforderung an der ganzen Sache. Denn wenn man für eine betuchte Klientel baut, dann spreche man meist die gleiche Sprache. Im Falle von RTL jedoch müsse man das Wolkenkuckucksheim gänzlich verlassen, um in einem anderen sozialen Maßstab arbeiten zu können. Jörn: "Insofern ist es eine schöne Aufgabe, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die sonst niemals einen Architekten konsultieren würden - sei es aus Berührungsängsten heraus, sei es schlicht und einfach, weil sie das Geld dafür nicht haben.

250 Familien, 180 Zimmerumbauten und 5500 Ikea-Möbelstücke

Nach 250 besuchten Familien, über 180 Zimmerumbauten und knapp 20 Spezialsendungen, in denen man nicht nur einem einzelnen Zimmer, sondern in wohlgemerkt fünf Tagen gleich einem ganzen Einfamilienhaus an den Kragen geht, wisse man mittlerweile, wie der Hase läuft. Die Leute verfolgen die Sendung regelmäßig und wissen inzwischen, welch tolle Ausmaße architektonische Kreativität annehmen kann. Die Ansprüche der Kandidaten haben sich daher erhöht, gelegentlich beherrschen unterdrückte, griesgrämige Mundwinkel das Kamerabild, wenn der Beglückte das erste Mal sein neues Zimmer betritt - respektive die Beglückte, denn meist handelt es sich um Frauen. Bis zum heutigen Tag sind im Rahmen von "Einsatz in 4 Wänden" etwa 5500 Ikea-Möbelstücke verbaut worden. Überraschenderweise führt nicht Billy die Liste der meistgewollten Regale an, sondern sein etwas fetterer Kollege Bonde. Die stolze Zahl rührt nicht etwa von der Vorliebe für skandinavisches Mobiliar her, sondern eher davon, dass Ikea als Hauptsponsor der Sendung auftritt und seine Produkte gratis zur Verfügung stellt: Product-Placement at its best. Die Architekten: "Wo sonst gibt es ein derart großes Sortiment lagernd?" In der Medienbranche könne man nicht acht Wochen lang auf ein Produkt warten. Die Schattenseite des Monopols indes: "Manchmal sind wir mit der Herausforderung konfrontiert, mit schwedischen Möbeln ein Zimmer im Asien-Look oder im Country-Style auszustatten", so spine2. Wiewohl Almuth, die Wohnexpertin, die Zuschauer schon von der ersten Minute an geflissentlich vorbereitet, denn anhand ihres stets passenden Outfits lässt sich leicht das endgültige Raumergebnis erahnen. Rote Rüschen? Ein Reich der Liebe. Safarilook? Ein Traum in Beige. Zuckerlrosa Perlenkette? Das wird dann wohl ein Prinzessinnenzimmer. Kann Architektur glücklich machen? Die Quote an überglücklichen Kandidaten liegt nach Auskunft der Architekten bei rund 80 Prozent. Man jubelt, man hüpft und weint. Almuth, die Wohnexpertin, wird regelrecht umarmt und erdrückt, und als großes Dankeschön bekommt sie gelegentlich einen Blumenstrauß oder eine Schachtel Pralinen vom Supermarkt geschenkt. Die Schlussszene jeder Sendung ist ein Jahrmarkt der Endorphine. "Dem gesellschaftlich bedeutendsten Massenmedium - dem Fernsehen - gilt Architektur eher als Quotenkiller", meint Architekturtheoretiker Rikelf Rambow. "Einsatz in 4 Wänden" hat mit seinem Patentrezept des Sozialvoyeurismus und der handwerklichen Neugier das Gegenteil bewiesen. Durchschnittlich 5,65 Millionen regelmäßiger Zuschauer haben in den letzten Jahren mitgegrübelt, mitgezittert und mitgewohnt.(Wojciech Czaja, Der Standard/Rondo/08/09/2006)

  • Artikelbild
    foto: rtl/einsatz in 4 wänden
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