Pharma-Revolution aus Graz

22. Jänner 2007, 15:59
posten

Die steigenden Kosten bremsen und Medikamente noch sicherer machen - das erste Exzellenzzentrum für "Pharmaceutical Engineering" entsteht in Graz

Die steigenden Ausgaben für das Gesundheitssystem waren heuer wieder Thema der Gesundheitsgespräche beim Forum Alpbach. Eine mögliche Kostenbremse stellte der Humantechnologie-Cluster Steiermark (HTS) vor: In Graz etabliert sich das europaweit erste Exzellenzzentrum für "Pharmaceutical Engineering" - Optimierung des Entwicklungs- und Herstellungsprozesses für neue Medikamente.

Hohe Kosten

Derzeit werden in Österreich jährlich 23 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben, 70 Prozent, 16 Milliarden, von der öffentlichen Hand.

Mit nur etwa 20 Prozent Anteil an den Gesamtausgaben stellen die Medikamentenkosten ein zwar relativ kleines, dafür aber umso heftiger umstrittenes Segment dar. Und für dieses, stellte HTS-Geschäftsführer Robert Gfrerer fest, biete die Technische Universität Graz, Mitglied des Clusters, nun eine Lösung an: "Senkung von Entwicklungszeiten und der Produktionskosten."

Lange Entwicklungsdauer

Heute dauert es im Schnitt zwölf Jahre, bis ein neues Produkt auf den Markt kommt, die Kosten dafür belaufen sich auf etwa 800 Millionen Euro - und die Produktionkosten machen inzwischen "bis zu 25 Prozent der durch das Medikament generierten Einnahmen aus", rechnete Gfrerer vor. Von bis zu 10.000 hoffnungsvollen Substanzen erreichen jedoch nur 250 die präklinische Phase, und nur fünf Substanzen gelangen in klinische Studien.

"Das liegt zum Teil daran", erklärte Johannes Khinast dem Standard, "dass die Pharmaindustrie einige Entwicklungen in der Verfahrenstechnik für Entwicklung und Herstellung etwas verschlafen hat - hemmend waren auch die Regulierungsbehörden."

Top Wissenschafter Khinast

Khinast wurde mit einem von der EU geförderten Marie-Curie-Lehrstuhl, mit dem heimische Top-Wissenschafter aus dem Ausland zurückgelockt werden sollen, an die TU Graz geholt. Er war zuvor an der University of Houston, Texas, seit 1998 an der Rutgers University, New Jersey. Dort führte der Oberösterreicher das entsprechende Know-how aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zum "Pharmaceutical Engineering" zusammen, das er nun in Graz etablieren will - in Forschung und Lehre, ein eigenes Studium wird angeboten. Doch worum geht es eigentlich?

Studium "Pharmaceutical Engineering"

"Stellen Sie vor, ein neuer Jumbo wird gebaut", veranschaulichte der Verfahrenstechniker, "Firmen liefern modernste Materialien, Triebwerke, Stabilisatoren und anderes. Stellen sie sich weiters vor, es würde niemanden kümmern, ob diese Teile zusammenpassen und, falls sie doch passen, wie sie optimal zusammengesetzt werden müssen.

Man würde etwas versuchen und den Flieger fliegen lassen. Stürzte der Jumbo ab, hätte man sich eben geirrt, man würde zurück zum Start gehen." Dieses System von "trial and error" sei laut Khinast noch häufig in der Pharmaindustrie anzutreffen. "Das führt zu vielen Fehlentwicklungen und in Sackgassen."

Die Pille im Windkanal

Dieses System will der Forscher buchstäblich "revolutionieren", die Verfahrensschritte "total umdrehen": Bevor ein neues Molekül seinen Entwicklungsprozess zum Medikament startet und danach in den großtechnischen Herstellungprozess eintritt, werden alle Schritte am Computer simuliert, die nur angedachte Pille kommt - mit einem Jumbo vergleichbar - zunächst in den virtuellen Windkanal.

Computersimulation

Am Computer wird für ein mögliches Molekül zunächst die optimale Formulierung (in welcher Dosis mit welcher Trägersubstanz und in welcher Form kommt der Wirkstoff dorthin, wo er hin soll) simuliert, und dann wird auch noch durchgerechnet, ob dieses Produkt überhaupt - und wenn ja, wie und mit welcher Verfahrenstechnik - hergestellt werden kann.

Erst wenn alle Schritte in der Simulation zu virtuellem Erfolg - auch und vor allem, was die Sicherheit betrifft - führen, sollen auch die realen Entwicklungs- und Herstellungprozesse folgen.

Senkung der Entwicklungszeit

Khinast erwartet sich dadurch "eine Reduktion von Fehlentwicklungen, eine Senkung der Entwicklungszeiten um bis zu zwei Jahre und vor allem eine Kostenersparnis um bis zu 30 Prozent". In etwa fünf Jahren soll es so weit sein.

Allein für den deutschen Markt, rechnete HTS-Geschäftsführer Gfrerer vor, könnte das dann ein Einsparpotenzial in der Arzneimittelproduktion von bis zu 3,4 Millarden Euro pro Jahr bringen.

(Andreas Feiertag/MEDSTANDARD/04.09.2006)

  • Ende des Prinzips "trial and error": Die Entwicklung neuer Pillen soll vom Molekül über Formulierung bis hin zur Fertigung zuerst am Computer simuliert werden.
    grafik: fatih

    Ende des Prinzips "trial and error": Die Entwicklung neuer Pillen soll vom Molekül über Formulierung bis hin zur Fertigung zuerst am Computer simuliert werden.

Share if you care.