Der Widerhall des Aufstands in der Welt

1. September 2006, 20:19
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In den ersten Novembertagen des Jahres 1956 ereignete sich die ungarische Freiheitstragödie

Der international renommierte Publizist und STANDARD-Autor Paul Lendvai schrieb darüber ein Buch, aus dem der folgende Auszug stammt. Es erscheint nächste Woche. Autor der im Buch gezeigten Fotos ist Erich Lessing, der den Aufstand dokumentierte.

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Die ungarische Revolution war die größte Herausforderung der sowjetischen Hegemonie und ein Symbol des Bankrotts des sowjetischen Sozialismusmodells. In der gesamten Geschichte der Krisen des sowjetischen Systems vor und nach 1956 war es niemals zu einem bewaffneten Aufstand dieses Ausmaßes gekommen wie im Herbst 1956 in Ungarn. Die Tatsache, dass es sich um eine spontane Revolution handelte, ausschließlich für die Freiheit, ohne vorherige militärische Niederlage, ohne einen Putsch und ohne eine konspirative Partei, jagte den herrschenden leninistischen Parteien Angst ein. Gerade weil diese "antitotalitäre Revolution" (Raymond Aron) nicht die Wiederherstellung des feudal-kapitalistischen Vorkriegssystems zum Ziel hatte und das kommunistische System von denen weggefegt wurde, die es zu repräsentieren vorgab, war die welthistorische Bedeutung dieses ungarischen Herbstes so enorm. Was vielleicht mehr als alles andere das Sowjetreich erschütterte, war zum ersten Mal seit 1917 das Gespenst einer möglichen Umkehrbarkeit des Kommunismus in den Kapitalismus.

Der XX. Parteitag der KPdSU und der Geheimbericht, der Umschwung im "polnischen Oktober" und die Revolution in Ungarn haben das entscheidende Jahr in der Geschichte des Kommunismus geprägt. Das Jahr 1956 markierte die beginnende Auflösung des Blocks und das Ende des gemeinsamen Mythos, den dieser Block verkörperte. Das liberale britische Blatt "Manchester Guardian" verglich die verheerende Wirkung der Niederschlagung des ungarischen Freiheitskampfes auf die westliche Linke und die kommunistischen Parteien mit der des Ribbentrop-Molotow Paktes im August 1939. Berühmte Sympathisanten wie Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Pablo Picasso und viele andere erkannten damals zum ersten Mal, dass sie auf den Irrweg geleitet worden waren. Die Schauspielerin Simone Signoret, die mit Yves Montand 1957 zum Neujahrsfest in Moskau gastierte, drückte die Meinung über die Ereignisse in Budapest vor den hochrangigen Gastgebern so aus: Die sowjetischen Soldaten "hörten innerhalb einer Woche auf, nur die Helden von 1917 und die Sieger von Stalingrad zu sein . . . sie haben sich verwandelt, sie sind zu Panzerschützern im Einsatz in einer Kolonie geworden; alle, die derlei Taten, wenn sie andernorts geschehen, zu verurteilen pflegen, können davor die Augen nicht verschließen."

Heute wissen wir etwas mehr über das Echo auf die Vorgänge in Polen und vor allem in Ungarn unmittelbar danach in der damaligen Sowjetunion. So schreibt Alexander Jakowlew, der Vordenker in der Gorbatschow-Ära in seiner schonungslosen Analyse der bolschewistischen Gewaltherrschaft: "Die Geschehnisse in Ungarn versetzten das ZK-Präsidium der KPdSU in höchste Panik." Am 19. Dezember 1956 versandte die Führung einen dritten vertraulichen Brief (nach zwei ähnlichen Schreiben im April und Juli) an sämtliche Parteimitglieder "über die Abwehr von Angriffen durch antisowjetische, feindliche Elemente". Jakowlew berichtet über eine Welle von Verhaftungen und Verurteilungen wegen "Verleumdung des Sowjetsystems" und "Revisionismus": "Allein in den ersten Monaten des Jahres 1957 wurden Hunderte von Menschen angeklagt. Tausende landeten in Konzentrationslagern, weil sie an Chruschtschow geglaubt und sich für Reformen eingesetzt hatten." Jakowlew wirft die Frage auf: Warum kam Chruschtschow vom Kurs der Entstalinisierung ab? Der Hauptgrund war klar: Nachdem Chruschtschow die Wahrheit über Stalins Verbrechen gesagt hätte, sei er über die Konsequenzen seiner beispiellosen Aktion erschrocken gewesen.

---> Verbundenheit zwischen Polen und Ungarn

Die gemeinsame Bedrohung der in Polen und in Ungarn zunächst parallel ablaufenden Reformbewegungen durch die sowjetische Führung bewirkte eine besonders enge emotionale Verbundenheit zwischen Warschau und Budapest. Die polnische Gesellschaft im Aufbruch reagierte nicht nur völlig anders auf die dramatischen Ereignisse in Ungarn, als dies in allen anderen Ostblockländern der Fall war. Ihr Druck von unten zwang die neue Führung unter Gomulka für eine kurze Zeit, wahrheitsgetreue Informationen über die Vorgänge in Ungarn zuzulassen. Zehn engagierte polnische Korrespondenten sandten umfangreiche Berichte über die ungarische Revolution und zumindest bis zur sowjetischen Invasion am 4. November trat die berüchtigte polnische Zensur nicht, oder noch nicht, in Aktion.

Die Aufrufe des polnischen Rundfunks und einiger Zeitungen "den ungarischen Brüdern zu helfen", fanden in dieser armen Gesellschaft eine erstaunlich starke Resonanz. Vor den Blutspendestationen bildeten sich lange Schlangen. Die Menschen spendeten spontan und massiv. Nach polnischen Quellen leisteten die Polen bis zum 19. November aus freiwilligen Spenden Hilfe in der Höhe von umgerechnet etwa zwei Millionen US-Dollar an Ungarn, zweimal mehr als die Unterstützung aus den USA. Es gab auch viele Demonstrationen und Massenversammlungen in Warschau, Wroclaw und Krakau, um die "Bruderschaft mit den Ungarn" zu betonen. Die größte Sympathiekundgebung fand am 30. Oktober in Olsztyn in Nordpolen statt. Über 10.000 Teilnehmer riefen: "Weg mit den Sicherheitskräften" oder "Befreit Polen - befreit Ungarn." Das größte Transparent trug die Aufschrift: "Wir fordern die sowjetische Armee auf, Ungarn zu verlassen."

Der wieder an die Macht gekommene polnische Parteichef Gomulka war jedoch ein entschiedener Gegner des Austritts Ungarn aus dem Warschauer Pakt und ein Befürworter der sowjetischen Truppenpräsenz als Garantie für die Westgrenze Polens und des Bestands des kommunistischen Systems. Zugleich fühlte er sich damals dem Geist des "Polnischen Oktobers" im Zeichen einer begrenzten Liberalisierung (Unabhängigkeit der Kirche, Privatbesitz in der Landwirtschaft und anfänglich mehr Freiheit für die Medien und die Kultur) verbunden. Ab Dezember 1956 wurde von der polnischen Zensur jede Kritik an der sowjetischen Intervention verboten, jedoch verwendete man eine Zeit lang, im Gegensatz zu den anderen Ostblockstaaten, den Begriff "Konterrevolution" noch nicht. Ich habe damals während achtzehn unvergesslichen Tagen ab dem 12. Januar 1957 persönlich in Warschau als außenpolitischer Ressortleiter und Sonderkorrespondent der neu gegründeten Budapester Tageszeitung "Esti Hirlap" die noch anhaltende Aufbruchstimmung am Vorabend der Parlamentswahlen gespürt, die auch als ein Test für den Erfolg des Reformflügels unter Gomulka angesehen wurden. Von der ersten bis zur letzten Minute haben polnische Journalisten und Intellektuelle in Warschau ihre Solidarität für das geschlagene und geknebelte Ungarn bekundet. Fast alle Polen brachten mir gegenüber Bewunderung trotz der Niederlage der Sache der ungarischen Revolution entgegen. Meine Reise war von den polnischen Kollegen Marian Bielicki, Rundfunkkorrespondent und Mitarbeiter des Wochenmagazins "Po Prostu" (Geradeaus) und die für Ungarn leidenschaftlich engagierte Journalistin Hanna Adamiecka von der Jugendzeitung "Standar Mlodych" organisiert. Mit ihrer Hilfe hat sich das damals (noch) von Reformern geführte Parteiblatt "Trybuna Ludu" bereit erklärt die Kosten meines Aufenthaltes zu übernehmen.

Die "Normalisierung" in beiden Ländern setzte der heiklen Phase der ungarisch-polnischen Beziehungen ein Ende. Die Frage, wer im Krisenjahr 1956 gewonnen und wer verloren hat, wurde in beiden "schwachen Gliedern" der "sozialistischen Kette" in verschiedenen Perioden, auch von den direkt Betroffenen, jeweils anders beantwortet. "Wir gewannen im Oktober 1956, aber auf lange Sicht haben wir doch verloren. Die Ungarn verloren damals und haben letzten Endes doch gewonnen:" Mit diesen Worten schilderte mir ein bekannter polnischer Schriftsteller, der erstmals seit dem Krisenherbst 1956 Ungarn zehn Jahre später besucht hatte, seine Eindrücke . François Furet, der französische Historiker, verglich die Wege der beiden Länder anders: "Der scheinbare Kontrast zwischen der "liberalen" Lösung der polnischen Krise und dem katastrophalen Ausgang des ungarischen Aufstandes trügt. Nicht nur, weil es sich in beiden Fällen um einen geopolitischen Erfolg der Sowjets handelt: Die Grenzen des sozialistischen Lagers "blieben unangetastet. Sondern vor allem, weil die beiden kommunistischen Herrschaftssysteme, die aus den Ereignissen des Oktober 1956 hervorgehen, recht bald einander mehr ähneln, als das die Ausgangsbedingungen hätten vermuten lassen: Gomulka erweist sich als weniger liberal und Kadar als weniger stalinistisch im Vergleich zu denjenigen, die sie an die Macht gebracht haben."

---> Eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft

Eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft

Wie den großen ungarischen Freiheitskämpfen der Vergangenheit, dem Rakoczi-Aufstand 1704 bis 1711 und dem Freiheitskrieg 1848/49, blieb auch diesem nationalen Kraftakt im Herbst 1956 der Sieg auf dem Schlachtfeld, diesmal in den Straßen von Budapest versagt. Doch der Ruf dieser mutigen kleinen Nation erschallte in die ganze Welt. Zehntausende gingen in Paris und London, Rom und Wien auf die Straße, um gegen die brutale Niederschlagung der Revolution zu protestieren. In keinem Land blickte man jedoch mit größerer Spannung und Sorge auf die Vorgänge in Ungarn als im benachbarten Österreich, einem Land, das selbst bis vor Kurzem unter fremder Besatzung lebte und erst am 15. Mai 1955 mit dem Staatsvertrag seine volle außenpolitische Bewegungsfreiheit wiedergewonnen hatte.

Auf eine Stichfrage, welche Ereignisse die Nachkriegsgeschichte Österreichs am stärksten beeinflusst hätten, wird man wahrscheinlich mit überwältigender Mehrheit Staatsvertrag und Neutralität genannt bekommen, schrieb vor fünfundzwanzig Jahren der österreichische Zeithistoriker Manfried Rauchensteiner und fügte zum Schluss seiner Betrachtungen zum "Spätherbst 1956" sofort hinzu: "Sie sollten jedoch durch ein Ereignis ergänzt werden: die ungarische Revolution." Heute würde man wahrscheinlich den EU-Beitritt auch als prägendes Ereignis erwähnen. Doch bleibt auch im Rückblick die Auswirkung der ungarischen Tragödie und vor allem die Art und Weise, wie Regierung und Volk diese historische Bewährungsprobe bestanden hatten, ein politischer und psychologischer Wendepunkt in der österreichischen Nachkriegsgeschichte.

Mit dem Staatsvertrag unter Dach und Fach und nach dem Verlassen des Bundesgebietes durch alle Besatzungssoldaten, konnte Österreich endlich als souveräner Staat agieren. Bereits am 28. Oktober richtete die Koalitionsregierung der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) unter Bundeskanzler Julius Raab einen dramatischen Appell an die sowjetische Führung: "Die österreichische Bundesregierung verfolgt mit schmerzlicher Anteilnahme das nun fünf Tage andauernde blutige und verlustreiche Geschehen im benachbarten Ungarn. Sie ersucht die Regierung der UdSSR mitzuwirken, dass die militärischen Kampfhandlungen abgebrochen werden und das Blutvergießen aufhöre."

Trotz scharfer Attacken aus dem Ostblock wurde nie davon geredet, Österreich könnte seine Grenzen gegenüber Ungarn schließen oder an der Grenze eine Selektion vornehmen. Die Regierung beschließt auch nach dem 4. November ohne Zögern, dass die Grenze offen zu halten ist, dass alle Flüchtenden, mit oder ohne Papiere, ohne jede Formalität aufzunehmen sind. An das neue schwache Bundesheer, dessen erste Rekruten überhaupt erst am 15. Oktober eingerückt waren, ergeht ein eindeutiger Befehl: "Wer österreichisches Gebiet bewaffnet betritt, ist zu entwaffnen, wer sich widersetzt, auf den ist das Feuer zu eröffnen. Das gilt auch für sowjetrussische Einheiten."

Der österreichische Publizist und Autor der berühmten TV-Serie "Österreich II", Hugo Portisch, berichtete in seinem Buch zur Dokumentation über die Kritik führender (allerdings nicht genannter) Schweizer Politiker und Militärs an der damaligen österreichischen Haltung, die die Sowjets als "Provokation" empfinden mussten.

---> Österreich: Bereitschaft zum Einsatz trotz geringer Stärke

Dabei waren nur einige hundert Gendarmen und bis zum 2. November lediglich 1537 Mann des Bundesheeres im Einsatz. Es fehlte auch an der notwendigen Ausrüstung. Alles in allem standen damals 2787 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften des Heeres im Einsatz oder waren in Bereitschaft. Dass man trotz der militärischen Schwäche so entschlossen war, bei einem Überschreiten der Grenze durch sowjetische Einheiten "wenigstens etwas Widerstand zu leisten, einen Kampf um Zeitgewinn" (so General Scharff), hing mit dem Trauma aus dem Jahr 1938 zusammen. Damals war nicht ein einziger Schuss gegen die Truppen des Dritten Reichs abgefeuert worden. Trotz Jubel um Hitler wäre ein noch so kurzer Widerstand oder ein Schießbefehl damals nach dem Krieg von den Alliierten bei der Einschätzung der österreichischen Haltung hoch angerechnet worden. Generaltruppeninspektor Fussenegger erteilte also einen klaren Schießbefehl: "Einen zweiten März 1938 sollte es nicht mehr geben!"

Statt der befürchteten Panikstimmung gab es in Österreich immer mehr Empörung über das brutale sowjetische Vorgehen im Nachbarland. Authentische Nachrichten waren selten und die miteinander rivalisierenden internationalen Korrespondenten haben, wie so oft in ähnlichen Krisensituationen in einem fremden Land, zuweilen auch maßlos übertrieben. So berichtete der "Neue Kurier" am 9. November 1956 zum Beispiel auf der Titelseite: Budapest sei ein Flammenmeer; die Sowjets hätten 65. 000 Ungarn getötet. Nicht die selten glaubwürdigen Meldungen der Boulevardblätter, sondern die fundierten Leitartikel und Kommentare der Qualitätsblätter spiegelten das starke Mitgefühl.

Die Ungarn, oft ganze Familien, kamen bereits am 4. November zu Tausenden. Die Brücke von Andau ist nicht nur durch das gleichnamige Buch von James Michener und den danach gedrehten Film, sondern vor allem "durch das Erleben der Menschen selbst" zu einem Symbol für den Brückenschlag zwischen Österreich und Ungarn geworden. Allein in der Nähe von Andau, wo der so genannte Einser-Kanal und andere Stichkanäle die Grenze bilden, kamen rund 70.000 Ungarn nach Österreich. Meistens benützten sie eben die als "Brücke von Andau" international berühmt gewordene schmale Holzbrücke.

Am 21. November wurde dieser Steg von ungarischen Grenzsoldaten gesprengt. Doch die Fluchtbewegung hielt an. Allein im November zählte man 113.810 Ungarnflüchtlinge. Am 23. November registrierte man die tägliche Höchstzahl mit 8537 Flüchtlingen. Im Dezember zählte man 49.685 Flüchtlinge. Selbst nach der beginnenden hermetischen Abriegelung der Grenze betrug im Januar die Zahl der Flüchtlinge noch 12.800. Über 180.000 wurden es schließlich. Sie wurden in ganz Österreich in Hotels, Schulen, Pfarrhöfen und Privatquartieren aufgenommen. Die meisten reisten später in die USA, nach Kanada, nach Deutschland und in andere Länder. 10.000 sind geblieben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3. 9. 2006)

Kommende Woche, ab 7. September, zeigt das Wien-Museum die Ausstellung "Flucht nach Wien". Es ist die erste große Nachschau zur 50. Wiederkehr jener Wochen, als die Ungarn in einem blutigen Aufstand versuchten, die sowjetische Besatzung abzuschütteln. Einem scheinbaren "Sieg" in den ersten Tagen folgte die brutale Niederwerfung.

Paul Lendvai: "Der Ungarnaufstand 1956. Eine Revolution und ihre Folgen", Verlag: Bertelsmann, München (September 2006), 384 Seiten.
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    Sicherungseinsatz des Österreichischen Bundesheeres an der Staatsgrenze zu Ungarn nach der sowjetischen Invasion

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