Mit Ady Endre über die eisige Eiserne Grenze

1. September 2006, 19:49
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Fünf kalte Nächte in Agendorf: Im Herbst 1956 ist nicht nur die Brücke von Andau ein Weg in die Freiheit gewesen

Das Fortgehen, das Hintersichlassen, das definitive Brückenabbrechen geschah von einem Tag auf den anderen. "Geplant", sagt László Fülöp, "habe ich die Flucht nicht." Ganz im Gegenteil, "ich wollte eigentlich da bleiben", und zwar "trotz allem". Eben erst hatte der 25-Jährige sein Architekturstudium hinter sich gebracht, eine Liebschaft hatte sich zur Brautreife verdichtet, "wer will da schon weg".

Aber da war andererseits die Rachsucht der eben wieder an die Macht Gekommenen. Und deren abgrundtiefe Angst vor allem und jedem, auch die vor László Fülöp, der sich immerhin zuschulden hat kommen lassen, während der hoffnungsfrohen Oktobertage 1956 den József Szilágyi, einen der Mitstreiter des Imre Nagy, kennen gelernt zu haben. "Und außerdem habe ich an der Uni Gedichte rezitiert. Gedichte von Illyes Gyula." Und das war, wenn schon nicht strikt verboten, so doch verpönt. Sehr verpönt

Und dann rollt eine Verhaftungswelle durch Budapests technische Universität, Kommilitonen verschwinden, und László Fülöp erfährt, dass die Greiftrupps der Sowjets auch nach ihm suchen. "Im Sekretariat der Uni habe ich einen Passierschein fälschen können. Mit dem erreichte er - es war der 20. November 1956 - die westungarische Stadt Györ. Ein befreundeter Regisseur am dortigen Theater gewährt Unterschlupf und Hilfe. Und bis heute möchte László Fülöp festgehalten wissen: "Der Mann hieß Gábor Földes, und nicht nur mir hat er geholfen. 1958 ist er hingerichtet worden."

In Györ erfährt Fülöp auch von der Andauer Brücke über den Einserkanal, eines der wichtigsten Löcher im gerade wieder zugehenden Eisernen Vorhang. Aber er entscheidet sich anders. Von Györ fährt er nach Sopron. Dort ist ein Cousin als Ingenieur in einer Kolchose beschäftigt, einer Kolchose, deren Äcker sich bis an die österreichische Grenze erstrecken.

Der Nachtlauf

Der Cousin hatte einen Mitarbeiter aus dem Grenzdorf Ágfálva/Agendorf, und der war gegen etwas Entgelt bereit, dem Budapester den Schlepper zu machen.

Nacht für Nacht schlichen die beiden sich zum Dorf hinaus, warteten. "Vier Nächte lang war es einfach unmöglich. Überall patroullierten schon die Russen." Den Großteil der Barschaft hatte der Agendorfer Schlepper, über den László Fülöp dennoch nichts Böses sagen will. Denn er war auch in der fünften Nacht dabei. Ein eisiger Nordwind hat - "endlich" - die Russen in die Panzer getrieben. Der Agendorfer hielt den Augenblick für günstig.

László Fülöp lief los, blind hinein in die Nacht, der vom Agendorfer gewiesenen Richtung vertrauend. Beim Laufen hielt er nur zwei Dinge fest: "Eine Flasche Schnaps, damit hätte ich vielleicht einen Russen bestechen können. Und ein Buch von Ady Endre." Das ist jener ungarische Dichter, der so lange in Paris gelebt hat. Und der Fülöp damit wohl auch ein Ziel gegeben hat in dieser kalten Novembernacht.

Als der Lauf des László Fülöp zu Ende war, befand er sich in Schattendorf. In Schattendorf oder dem benachbarten Loipersbach, "ich weiß es nicht, hier hat sich alles verändert".

Jedenfalls war es "unglaublich". Fülöp hatte ja, nun: ein sehr ungarisches Bild von Österreich. Und dann das: "Diese Zeit war die beeindruckendste meines ganzen Lebens. Ich habe mich nicht als Flüchtling gefühlt. Ich war willkommen."

Gegangen ist er dennoch nach Frankreich. Nicht nur, aber wohl auch dem Dichter Ady zuliebe. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3. 9. 2006)

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