Spur in die Vergangenheit

29. August 2006, 20:12
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Die Monarchie ist lange tot, der von Robert Musil einst geprägte Ausdruck Kakanien ist es nicht: Plattform "Kakanien revisited" unterstützt seit fünf Jahren interdisziplinäre Forschungsansätze zum Thema k. u. k.

"Die Orden des Kaisers sind Wien", schreibt Cees Noteboom in seinem Bericht von der Hauptstadt von Kakanien. Auch der Militärmedizinische Sprachführer sei Wien, "weil Wien das Zentrum, der Nabel des babylonischen Kakaniens war. ,Warum kratzen Sie sich?', fragt dieses Büchlein, Proc se skrabete? Perché si gratta? Zasto se cesete? Dlaczego sie drapiecie? Pentru ce te scarpini? Dlácoho skrobajete sia? Miert vakarja majat?, aber die Antwort auf böhmisch, italienisch, kroatisch, polnisch, rumänisch, ruthenisch und ungarisch steht nicht mehr dabei."

Wen kratzt es noch, das Kakanien im Sinne Musils, der cisleithanische, kaiser-königliche Verwaltungsapparat, seinerzeit in alle Lebensbereiche der Monarchie verrästelt? Nun, offenbar interessiert es viele und immer mehr Menschen. Ein Gradmesser ist die steigende Aufmerksamkeit, die Forscher der Plattform "Kakanien revisited" entgegenbringen.

Als der STANDARD erstmals von dieser Internetinitative berichtete - das war 2002, ein Jahr nach der Gründung -, war von rund 150 Zugriffen pro Tag die Rede, zur Hälfte aus dem Ausland. Das wurde bereits als Erfolg akademischer Selbstorganisation gewertet. Mittlerweile sind es, wie Initiator Peter Plener berichtet, bis zu 3000 täglich. Aus allen Teilen der Welt klopfen Wissenschafter und andere Neugierige bei kakanien.ac.at an, um sich über unterschiedlichste Aspekte der Forschung zu k. u. k. zu informieren und einander zu berichten. Zur Zeit listet die Homepage ein gutes Dutzend laufende Projekte auf, vom "Arbeitskreis Czernowitzerpresse" bis zur "Spur der Romantik in Wien".

Manche Projekte sind von vornherein Web-basiert und tauschen sich virtuell aus, etwa das Postings-Forum LIMES; diese LIste MittelEuropäischer Soziologie, von Klagenfurt aus betreut, zirkuliert gesellschaftswissenschaftliche Themen und Termine. Andere belegen durch ihre Urheber, wie verstreut und zugleich vernetzt dem kakanischen Gedanken nachgegangen wird. Die erwähnte Erforschung der Presselandschaft im ehemalig multiethnischen Czernowitz wurde vom Deutschen Seminar der Queen's University Belfast ins Leben gerufen.

Bald stießen die Universität Iasi (Rumänien), Institute in Czernowitz und Dresden und das deutsche Südosteuropa-Institut dazu, und etliche andere sind zur Zusammenarbeit bereit, die Kulturabteilung des österreichischen Außenministeriums etwa und die Kommission für Kulturwissenschaften an der Akademie der Wissenschaften.

Deren Chef Moritz Csaky leitete auch den Spezialforschungsbereich Moderne. Was diese groß angelegte Initiative an Erkenntnissen hervorgebracht hat, ist, wie Plener betont, im Netz des wieder besuchten Kakanien weiter zugänglich. Es sei ja eines der vordringlichen Ziele, den wechselseitigen Zugang zu allen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Arbeiten zu ermöglichen. Um den Austausch zu beschleunigen, haben die Kakanier in Wien vor einem Jahr einen Weblog-Zusatz aufgebaut. Plener ist von den Vorzügen einer "sozialen Software" überzeugt.

Dass die in den CEE-Ländern so gerne angenommen wurde, trug zu den Steigerungsraten der Zugriffe bei.

Die Initiatoren von Kakanien revisited, vom österreichischen Wissenschaftsministerium gefördert, verweisen selber darauf, dass Klickraten allein nicht viel Aussagekraft besitzen. Immerhin aber seien sie Anhaltspunkte für Attraktivität, Vernetzungsqualität und Aktualität. Und gerade die Spitzen der Zugriffe nach erfolgreichen Veranstaltungen zeigten den positiven Effekt unter Suchern und Bloggern.

Die nächsten sich anbietenden Schritte sind die Erweiterung der Plattform zu einem Portal - wofür zurzeit das Geld fehlt - und die Etablierung eines freien Zugangs zu allem gehorteten Wissen. Open Access ist der Zauberbegriff, der noch mit genauerem Inhalt zu füllen wäre.

Die elektronischen bzw. virtuellen Phantasien sollen aber Plener zufolge nicht "die Vorzüge der Buchwissenschaften hintanstellen, sehr im Gegenteil": Man versucht den Spagat, zugleich den Bildschirm und das Papier als Verbreitungsorgane zu forcieren. Bedenkt man, dass ein Beobachter des Publikationswesens vor Kurzem die Vorzüge von Steintafeln gegenüber Festplatten herausgestrichen hat, ist das vielleicht keine üble Strategie. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.8. 2006)

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    "Kakanien war der Staat, der sich selbst irgendwie nur noch mitmachte. Und darin war Kakanien, ohne dass die Welt es schon wusste, der fortgeschrittenste Staat."
    Robert Musil

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    "Kakanien revisited" will Brücken schlagen zwischen jetzt und gestern, zwischen den Ländern und den Forschungszweigen.

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